Wenn Frauen schreiben
entstehen immer ganz besondere Texte
mit Herz, Haltung und einer Vision für eine friedlichere Welt
Meine Mutter und ich
Lass dich berühren von den Texten, die in unserem ersten Projekt "Meine Mutter und ich" entstanden sind.
Lass dich inspirieren zu deinen eigenen Texten. Hier findest du weitere Informationen darüber, wie du an diesem Projekt teilnehmen kannst.
Lass unsere Zähler in die Höhe schnellen - egal wie viel Kaffee es braucht.
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Meine Mutter
Ambivalentes Spektrum der ganzen Gefühlspalette
Ich habe Sehnsucht
nach meiner Mutter
die ich nie haben durfte
Vielleicht einen Wimpernschlag lang, ein Mü (µ). Ein Hauch von der Vorstellung, wie es sein könnte, eine Mutter gehabt zu haben.
Unendlich tiefe Sehnsucht.
Unvorstellbar.
Vielleicht wärst du mir auch ohne deine Krankheit keine gute Mutter gewesen?
Vielleicht wärst du aber auch eine außerordentlich besonders tolle Mutter gewesen?
Anders als alle anderen.
Anders als jede zuvor?
Du wärst die Mutter von Pippi Langstrumpf gewesen.
Und ich deine farbenfrohe Tochter, die du auf deinen Schultern im Hoppsalauf durchs Leben getragen hättest.
Mich vor allen bösen Männern beschützt hättest. Wir sie gemeinsam lachend in die Flucht geschlagen hätten.
Wir würden zu jeder Folklore tanzen, als seien es unsere letzten Minuten zusammen.
Wir würden am meisten auffallen, wir wären die Lebendigsten.
Wir würden zusammen laut singend durch die Straßen ziehen, egal ob schon heiser oder nicht.
Wir würden alle anderen mit unserer guten Laune mitziehen, aus jedem dunkelsten Loch.
Meine Mutter hätte mich bei jeder Kinderkrankheit liebevoll gesund gekuschelt.
Du würdest mich immer sehen, auch wenn du erblinden würdest.
Du fühlst mich. Du weißt, wie es mir geht.
Immer.
Und selbst wenn es keinen Trost auf dieser Welt für mich gäbe, wärst du mein einziger Trost. Weil du meine Mutter bist.
Weil ich das Glück habe, dich zu haben.
Du hast mir Selbstwert mit der Muttermilch als Selbstverständlichkeit mitgegeben.
Du hast mir das Urvertrauen in die Liebe mit ans Herz gelegt, weil du die wahre Liebe bist.
Deine Umarmungen fühlen sich vollkommen an.
Erzeugen das wärmste Gefühl von Geborgenheit, das ich zerspringen möchte in tausend Glitzerlichter.
Zum Weinen schön.
Wenn ich dich ansehe, sehe ich mich an.
Wir sind eins.
Die Geburt verändert nichts an unserer Verbundenheit.
Ohne Gegenleistung, ohne Äußerlichkeiten liebst du mich um meiner selbst willen. Weil du mich lieben willst.
Weil du dich liebst und ich immer ein Teil von dir sein werde.
Weil wir für immer miteinander verbunden sind.
Deine Liebe trägt mich bis ans Ende der Welt.
Auch wenn du nicht mehr bist, wirst du immer bei mir sein.
Der Tod beendet keine Beziehungen.
Alles nur Wunschdenken.
Kinderwille ist Katzendreck.
Einer von vielen wegstoßenden Sätzen, die meine Kindheit prägten.
Sind auch Kinderwünsche Katzendreck?
Auch existenzielle Bedürfnisse, die so tief in unserem Menschsein verwurzelt sind?
Der Wunsch nach Zugehörigkeit und Angenommenen-Sein.
Alles Katzendreck?
Wie kann ich ohne dich leben?
Bitte halte mich fest.
Ich schaffe es nicht, dich in dieser Welt zu halten. Ich bin nicht stark genug. Meine Hände so klein. Meine Tränen so heiß. Meine Trauer so groß.
Wie konntest du mich verlassen.
Wie ist deine Krankheit doch so grausam. Zu dir. Zu allen um dich herum.
Diese Welt ist nicht aushaltbar.
Ich ertrage sie nicht.
Ohne dich.
Ich habe als Kind meine Mutter für immer verloren - der Wahnsinn hat sie gefunden.
Er hat dir seine Hand gereicht, dir einen Ausweg gezeigt aus deinem ausweglosen Leben.
Der Preis waren wir, du musstest uns zurücklassen.
Die Realität ist nüchtern, unnachgiebig.
Es gibt kein perfekt. Nur Verzweiflung.
Das ist die Wahrheit.
Der ich mich jeden Tag stellen muss.
Ich muss mir selbst diese Mutter sein, die ich gebraucht hätte, weil du es nicht sein konntest.
Ich versuche meinen Kindern diese Mutter zu sein, die ich mir gewünscht hätte.
Ich weiß nicht, ob ich es richtig mache. Das weiß ich erst hinterher. Auch ich lebe zum ersten Mal.
Du fehlst mir so sehr.
Ich liebe dich.
Ich habe Angst vor dir.
Du redest wie ein Wasserfall nur von dir.
Von deinem Selbst ist kaum noch etwas übrig. Wirre Worte. Starrender Blick. Unsteter Geist.
Zerfressen von Tabletten.
Es ist, als ob du tot seist, auch wenn du noch lebst.
Kein Ort zum Trauern um dich.
Deine Liebe trägt mich bis ans Ende der Welt.
Wir wären dorthin um die Wette gerannt, um mit Endorphinen Füße baumelnd Pause zu machen, am Ende der Welt.
Mathilda Friedland, 42 Jahre
Wenn das meine Mutter wüsste
Wenn das meine Mutter wüsste, dass ich jetzt Kunsttherapeutin geworden bin. Dass ich mein kleines Atelier auf dem Dachboden habe und alles sammle, was ich zu Papier bringen kann.
Ich gehe einen etwas anderen Weg und lasse Farben zu Worte werden. Begleite andere Frauen mit dem Mal Ausdruck auf ihrem Weg.
Du hast Kurse gemacht, um Aquarellmalen zu lernen, hattest kleine Gruppenausstellungen und du hast beim Segeln unterwegs am Wegesrand gemalt. Heute würde man es Urban Sketching nennen.
Ach, wie gerne würde ich heute mit dir am Wegesrand sitzen, jeder einen Block in der Hand, einen Stift und den kleinen Aquarellkasten.
So gerne würde ich von dir lernen und mit dir meinen Weg der Kunst und mein Kunstverständnis teilen. Ins Museum gehen, über 'verrückte' Bilder mit dir lachen und dann nach Hause gehen und herrlich experimentieren - mit allem, was möglich ist.
Ich fühl mich dir nahe, auch wenn du schon lange nicht mehr hier bist.
Evelyn
Meine Mutter
Ambivalenz, Vielschichtigkeit, Mitgefühl, Verständnis, Unverständnis, Ärger, Trauer, Bewunderung, Stärke, Schwäche, Freude, Lachen, Friede, Liebe
Das ist so das Potpourri, was mir zum jetzigen Zeitpunkt spontan zu meiner Mutter kommt. Das war schon mal wesentlich extremer ...
Ich bewundere ihre Stärke, sich durchzusetzen, gegen alles und jeden. Man könnte es auch als Sturheit bezeichnen. Diese Kraft hat ihr viel ermöglicht: sie hat Medizin studiert zu einer Zeit, wo das für Frauen noch viel ungewöhnlicher war als heute; sie hat in ihrem Beruf gearbeitet trotz uns zwei Kindern; sie hat sich von ihrem Ehemann getrennt, als eine Scheidung noch nicht gängige Praxis war; sie hat den Rest ihres Lebens bis zu einem Schlaganfall vor zwei Jahren alleine in ihrer Wohnung gelebt; sie hat sich aufopferungsvoll Jahrzehnte um meinen kranken Bruder gekümmert; sie hat dessen Tod vor einigen Jahren irgendwie verkraftet und überlebt; sie war auf vielen großen Reisen, alleine und auch früher mit uns als Familie ...
Reiselust, Neugier auf die Welt, Tierliebe, Naturverständnis, Kultur – all das hat sie mir mitgegeben. Dafür bin ich ihr ausgesprochen dankbar!
Gelitten habe ich – und tue es zuweilen, je nach meiner Tagesform und den Umständen, auch heute noch- unter dieser starken Frau. Trotz aller Weltoffenheit war ihr Etikette wichtig, dieses tut man und jenes gehört sich nicht. Ich hatte all das zu verwirklichen, was sie gut fand. Mein Ich konnte da keinen Platz haben. Lange, lange Zeit war ich nicht in der Lage, meine eigene Stärke zu finden, meinen Platz zu behaupten, meine eigenen Interessen zu verwirklichen.
„Du musst ...“ - wie sehr ich das hasse. Früher kam das ständig, heute nur noch selten. Heute habe ich oft die Gelassenheit und die Lockerheit, diese Sprüche an mir abperlen zu lassen, es weg zu lachen. Doch im Inneren trifft es mich immer wieder. Besonders schlimm ist es, wenn ich die gleichen Sprüche von meinem Partner oder meiner inneren Erzieherin höre. Da bin ich sensibilisiert für mein ganzes Leben – oder auch nicht?! Ich arbeite dran.
Gegen alle Bedrohungen und Ansprüche von außen jedoch war unsere Mutter eine Löwin, die immer für uns Kinder da war, sich vor uns stellte, alle Gefahren und Angriffe weghielt. Sie wollte immer große Ziele für uns erreichen – leider manches mal nicht mit uns. Unsere eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Ziele hatte sie oft nicht im Auge. Da war es wieder, das „man macht“: Opern-Abo, Klavierspielen, Tennisclub, Französisch lernen, Theaterbesuche. Es hat lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass das nicht meine eigenen Bedürfnisse bedient und noch länger, bis ich das äußern und dementsprechend handeln konnte.
Nach außen hin habe ich ihre Stärke, innen hat es mich so verletzlich gemacht – das Kind will immer noch endlich gesehen und gehört werden in seiner Einzigartigkeit und Schönheit. Das Kind ist immer noch traurig darüber, die mütterlichen Vorgaben nicht perfekt erfüllt zu haben.
Die Erwachsene kann mittlerweile sehen, wie viele Möglichkeiten meine Mutter mir angeboten hat und ist dankbar dafür, dass sie mir so eine wundervolle weite Welt geöffnet hat. Da ist sie wieder, die Ambivalenz.
Jetzt ist meine Mutter nach einem Schlaganfall pflegebedürftig, lebt in einem Seniorenhaus in der Nähe. Wie hart muss das für sie sein, aus der großen Stadt und all ihren Angeboten und weg von ihrem sozialen Umfeld zurückgeworfen in die totale Abhängigkeit. Inzwischen meistert sie das bewundernswert, ist immer dankbar für die kleinen Freuden, genießt meistens das Umsorgtwerden. Nur noch gelegentlich kommt die Löwin oder die Frau Doktor durch – und die Pflegenden können damit sehr professionell umgehen.
Mir gibt das Freiheit und eine wohltuende Distanz, nur selten ein schlechtes Gewissen. Ich bin nicht zuständig für den Alltag dieser für mich schwierigen Frau, ich weiß sie gut versorgt. Ich bin zuständig für freudige Momente und für Notfälle. Ich tue, was ich kann, weiß meine Grenzen und berücksichtige diese. Und meine Mutter kann das jetzt in ihren hellen Momenten sehen und drückt das auch aus. Die Vergangenheit und meine daraus resultierenden inneren Themen sind kein Thema für uns. Ein gutes und irgendwie auch heilsames Arrangement hat sich unabgesprochen durch die äußeren Umstände ergeben. So können wir lockerer als früher miteinander sein, eher oberflächlich, aber ohne erneute Verletzungen. Das ist gut.
Nur noch ganz selten kommt ein „Du musst ...“ Oft sind wir albern und genießen, was auch immer gerade geht: das Piccolöchen, Erinnerungen an gute Reisen oder lustige Begebenheiten von früher, Ausflug in meinen Garten oder in die große Stadt, Treffen auf dem Markt mit den alten Freunden, ein Konzert. Meine Mutter verfolgt nun meine Reisen mit Begeisterung; ihre Träume von Besserung der Gesundheit und irgendwann mal wieder eigenen Reisen lasse ich ihr.
Das fühlt sich nach Frieden an – und Liebe ist ganz sicher auch irgendwie und irgendwo dabei.
Ohne Titel
Das Verhältnis zu meiner Mutter konnte ich zu ihrer Lebzeit nicht verändern.
Sie musste als 16-jährige aus ihrer Heimat Schlesien vor der roten Armee flüchten, ihre Eltern und die ältere Schwester mit dem letzten Zug, in den ihr Vater sie durchs offene Fenster reingedrückt hat, verlassen. Ihre Mutter hat sie nie wieder gesehen.
Heute weiß ich, dass sie sich zeitlebens Vorwürfe gemacht hat, geflohen zu sein. Ihr ging es im Westen wesentlich besser als ihren Eltern und der ältesten Schwester.
Sie hat darunter gelitten und viel geweint, was mich traurig und auch wütend machte. Ich glaube, dass sie zu Mutterliebe nicht fähig war.
Dass sie meinen Vater kennenlernte, war ein Glück für beide. Ich glaube, dass sie sich zumindest zu Beginn der Ehe geliebt haben.
Mein Vater bekam mit 18 Jahren das "Notabitur" ausgehändigt, und dann ging es an die Front. Er floh aus französischer Gefangenschaft, musste dann aber wieder an die Front, und landete schließlich verwundet in russischer Gefangenschaft.
Die Kriegserlebnisse haben ihn nie losgelassen, und wir Kinder mussten still sitzen bleiben, wenn er vom Krieg erzählte. Er wurde chronisch krank ob der Erlebnisse.
Im Nachhinein denke ich, dass meine Eltern nicht zur Liebe fähig waren, irgendwie abgestumpft funktionieren, wie es die Nachkriegszeit verlangte.
Erst seit ich mich mit dem Thema " Kriegsenkel" beschäftigt habe, ist mir vieles über mich selbst klar geworden. Und ich weiß nun, dass es nicht die Schuld meiner Mutter (oder meines Vaters) war, dass es wenig Herzlichkeit, Streicheleinheiten, Schmusen oder liebe Worte gab. Und den Satz: "Ich liebe Dich" gab es nicht, er wurde nie ausgesprochen.
Leider konnte ich das alles nicht mit meiner Mutter klären, vielleicht hätte sie das aber auch gar nicht gekonnt oder gewollt.
Sie sagte mir oft, wenn sie selbst wieder verzweifelt und krank war vor Heimweh:: "Du bist nicht von uns, Du bist von den Zigeunern."
Natürlich arbeitet das bis heute in mir.
Durch diverse Literatur und Romane über den 2. Weltkrieg und die Nachkriegsjahre kann ich vieles inzwischen verstehen. Und mich versöhnen mit dem Gedanken, dass meine Mutter als zutiefst verzweifelter Mensch unfähig war, zu lieben.
Dorothea, 71 Jahre
Wenn das meine Mutter wüsste…
Wenn meine Mutter wüsste, wie leid sie mir tut; wie oft es mich traurig macht, an sie zu denken, und wie froh ich wäre, wenn es ihr gut ginge, dann … würde sie das vermutlich nicht wissen wollen und ganz schnell wieder aus ihrem Kopf verbannen.
Passt es doch nicht zur Dämonisierung meiner Person und ihrem Bild von mir, das sie im Kopf verankert hat. Ihre Überzeugung darf nicht ins Wanken geraten, Zweifel dürfen nicht aufkommen. Zu wichtig ist für sie, dass die Rollen eindeutig bleiben: sie Opfer, ich Täter, Punkt.
Sonst wäre womöglich die jahrelange Funkstille unbegründet, hätte nicht sein müssen.
Es braucht die Geschichte von der Tochter, mit der man unmöglich reden kann, weil sie Unsägliches von sich gibt, das 4. Gebot nicht achtet und ihre Mutter in rücksichtslosen Gesprächen fertigmachen will.
Wenn meine Mutter wüsste, dass ich ihr lediglich meine Sicht der Dinge schildern möchte und auf nicht mehr hoffe, als dass sie diese anerkennt. Dass meine Wahrnehmung auch sein darf. Wenn sie wüsste, dass es um nicht mehr geht als ein „Ich weiss, dass es auch für dich schwer war.“ von ihr zu hören.
ICH wüsste gern, ob das etwas ändern würde.
Hintergrund:
Meine Mutter hatte es nicht leicht, seitdem sie mit 18 ungewollt schwanger geworden war und einen deutlich älteren Mann heiraten musste, den sie kaum kannte und nicht liebte. Sie musste den eben erlernten Beruf aufgeben und in der nahegelegenen Fabrik in drei Schichten arbeiten. Außerdem mit betagten Schwiegereltern in einem Haus leben, für die sie sich aufopferte, ebenso wie für ihren Mann und alle anderen.
Das Problem ist, dass sie mit ihrem unglücklichen Leben und Leiden eine Anspruchshaltung rechtfertigt, auf eine Sonderstellung und Sonderrechte, ja sogar auf eine gewisse Entschädigung bzw. Wiedergutmachung durch mich, dieses Kind, das leider der Ausgangspunkt dieser Lebenswende war …
Dieses Kind erlaubt sich, seinen eigenen Weg zu suchen und dabei Fehler zu machen. Die Mutter zu enttäuschen, statt auf sie zu hören. Welch eine Undankbarkeit!
Steffi, 57 Jahre
Stilles Kind, liebes Kind
Ich freue mich über meinen ersten Enkelsohn. Wie sein Papa steht er früh auf seinen Beinchen und dann geht es auch gleich los.
Die Oma muss – beide Hände fest haltend – hinter dem kleinen Mann her marschieren. Auch wenn ich schnell Muskeln spüre, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe, halte ich tapfer mit. So geht das den lieben langen Tag. Das Kind wird einfach nicht müde.
Kommt die Ur-Oma zu Besuch und schaut sich das eine Weile an. „Der hält dich aber ganz schön auf Trab“ oder „Der ist aber lebhaft“ sind ihre kritischen Kommentare. Etwas missbilligend betrachtet sie meine Geduld und kann nicht verstehen, dass ich diesem Treiben keinen Einhalt gebiete.
Ich denke „Ach so war das bei mir, als ich so klein war“: Still halten, ruhig sein, die Mama nicht stören! So verhielt sich ein liebes Kind!
Oder im Laufstall in Opa’s Arbeitszimmer, wenn Papa nach der Nachtarbeit schlafen musste und Mama zur Arbeit war. Dort verbrachte ich meine Vormittage, gut beschützt aber still und ruhig - statt die Welt um mir her zu erkunden. Still und ruhig, um den Opa nicht zu stören, der mit Wichtigerem beschäftigt war als das Enkelkind zu hätscheln.
Stilles Kind – liebes Kind, habe ich verinnerlicht und wundere mich, dass ich es jetzt wie schon mit meinen eigenen Kindern so anders halte. Sie dürfen laut und lebhaft sein, ich bin immer noch still und störe nicht.
Wenn das Herz sich weitet
Jahrelang habe ich meine Mutter als fordernd, übergriffig und zwanghaft redend erlebt. Nachdem wir in meiner Kindheit und Jugend eher symbiotisch gelebt haben, musste ich parallel zu meiner Scheidung die Zugbrücke hochziehen. Ich hatte nicht gelernt, nach dem kleinen Finger nein zu sagen, wenn nach der ganzen Hand gegriffen wurde. Wir blieben in Kontakt, aber ich entzog mich emotional.
Es gibt ein Märchen, da bleiben die in Raben verzauberten Brüder mit ihrer Schwester in Kontakt, indem sie von Zeit zu Zeit einen Blutstropfen fallen lassen. So scheint mir rückblickend die Zeit auch für uns gewesen zu sein.
Wenn wir uns trafen, hatte sie immer etwas auszusetzen an mir. Und in den Gesprächen ging es immer nur um sie. Den Schokopudding konnte ich dann nicht mehr so richtig genießen. Irgendwann kam ich zu dem Schluss, dass ich eben keine zugewandte liebevoll aufmerksame Mutter habe, und dass sich das nicht ändern wird. Ich ließ los.
Einmal war meine Freundin Gabi anwesend, als ich den AB abhörte und meine Mutter ausführlich darauf gesprochen hatte. Sie meinte: "Deine Mutter ist ja völlig unsicher." Ich fiel aus allen Wolken. Meine dominante Mutter unsicher? Ich begann, meine Perspektive zu ändern.
Kurz darauf wurde sie 75, und ich schrieb in die Geburtstagskarte, wofür ich ihr alles dankbar bin. Damit änderte sich alles. Meine Mutter redete immer noch zwanghaft, aber als ich sie um Rat wegen der Änderung eines Kleidungsstückes fragte, hatte ich zum ersten Mal seit langem wieder das Gefühl, dass ihre Aufmerksamkeit nicht bei sich, sondern bei mir lag. Auf einmal floss es wieder. Seitdem konnte ich sie wieder frohen Herzens besuchen.
Oft lief ich sonntags zu ihr eine Stunde durch die Felder, auf dem Rückweg war ich gestärkt mit leckerem Essen oder Kuchen. Ein paar Jahre später wurde es noch einfacher. Franz trat in mein Leben, und wir hatten ein Taxi. Meine Mutter zog um in eine Seniorenwohnung, eine Haltestelle von mir entfernt. Dort konnte sie mit unserer Unterstützung noch 10 Jahre selbstständig leben. Ich hatte ihr bislang einen Tag in der Woche gewidmet, aber Franz meinte, wenn wir zum Trödel fahren, können wir sie auch mitnehmen. Und so machte ich mit meiner Mutter regelmäßig Biografiearbeit auf dem Flohmarkt und genoss es, wenn sie glücklich war. Sie wiederum bedankte sich jedes Mal herzlich, wenn wir sie mitgenommen hatten, und kochte Wackelpudding für Franz. Für mich war es sooo schön zu erleben, dass wir uns herzlich zugetan waren. Ich fühlte mich gestärkt durch dieses „Nachnähren“.
Die letzten anderthalb Jahre waren noch einmal schwierig, weil das Pflegeheim starke Mängel aufwies und ich wieder voll in die Rolle des Kindes abrutschte, das für das Wohlergehen der Mutter zuständig war. Aber immerhin hatte ich so viel gelernt, dass mir klar war, dass es keine Alternative gab. Ich konnte ihr ihr Schicksal zumuten.
Wir holten meine Mutter oft ab und saßen gerne mit einem Eis auf einer Bank am Rhein und genossen die Dreisamkeit. Sie lag nur die letzten 2 Tage im Bett. Ich saß bei ihr und konnte sie gut in Liebe loslassen.
Wenn ich heute an sie denke, wird mein Herz warm, denn die Begabung zur Freude habe ich von ihr. Und noch oft sage ich nach oben: „Danke!“
Marita
Hausaufgaben
Meine Mutter setzte sich mit mir jeden Mittag ins Wohnzimmer an den Couchtisch und war so lange bei mir, bis die Hausaufgaben fertig waren. Zumindest ist meine Erinnerung die ich daran habe, so. Eine weitere Erinnerung, die ich habe, ist, dass die Hausaufgaben täglich von 13.00 bis 16.30 Uhr gedauert haben. Bis 16.30 Uhr deshalb, weil dann mein Vater von der Arbeit kam. Manchmal musste er dann noch was mit mir machen oder üben oder erklären. Ich war den Nachmittag über auch oft verträumt. Meist lag meine Mutter hinter mir quer auf der Couch und hielt ihren Mittagsschlaf. Die Schreibarbeiten wurden von ihr mit strengem Blick kontrolliert. Oft oder gefühlt immer oder vielleicht jedes zweite Mal war die Schreibarbeit nicht schön genug. Ich bekam eine Ohrfeige (wir sagen Schelle dazu). Die Seite wurde rausgerissen oder zusammengeklebt und ich musste es nochmals machen.
Heute überlege ich, was der Maßstab meiner Mutter war, dass es nicht schön genug ist oder war.
Das Gefühl, etwas doch nicht gut genug gemacht zu haben, begleitet mich. Am Arbeitsplatz reflektiere ich mich immer wieder, wie kann ich es besser machen. Oft begleitet mich der Gedanke den ganzen Tag. Ich würde gerne meine Arbeit an der Stechuhr für den Rest des Tages bis zum nächsten Arbeitsbeginn dort belassen. Meist kann ich es nicht. Ich kann auch nicht entscheiden, ob ich es gut oder schlecht empfinden soll.
Auf jeden Fall habe ich entschieden, es ihr nicht übel zu nehmen, sondern dass ich froh war, dass sie bei mir war, auch wenn sie geschlafen hat. Dass ich auch froh war, dass sie sich Zeit genommen hat, dass ich froh war, dass dann mein Vater kam, dass auch er sich gekümmert hat. Es war jemand für mich da.
CH, 60 Jahre
Als hätte ich keine Mutter
Als hätte ich keine Mutter. So fühlt sich der Gedanke an sie meist an. Als wäre ich ein Zombie. Geboren aus dem Nichts, aus dem Dazwischen, dieser Leere.
Wir waren eine ganz normale Familie: Mutter, Vater, Kinder. Große Schwester, mittlere Schwester, kleine Schwester. So hießen wir. Unsere folgerichtigen Funktionsbezeichnungen. Unumstößlich unzweifelhaft. Dazwischen: Nichts. Fremd einander die Schwestern. Fremd dieses Muttergefühl. So fremd, dass auch keiner von uns dreien eine Mutterschaft gelingen wollte. Zu fremd, zu ungewiss, was da gelingen sollte.
Noch heute irre ich in den Begrifflichkeiten umher, wie in einem finsteren Wald. Höre und lese über diese besondere Beziehung zwischen Müttern, Töchtern usw.
Begegne meiner Mutter mit Ungeduld, manchmal mit Nachsicht, kaum je mit Gefühlen - abgesehen vom schlechten Gewissen, keine zu haben.
Versuche mich an diese Frau in ihren unterschiedlichen Lebensphasen zu erinnern. Sie spielte keine deutliche Rolle in meinem Leben, außer meine Erziehungsberechtigte zu sein. Die, deren Fragen bisweilen beantwortet werden wollten. Und auch die Fragen wurden weniger. Nicht mehr anschlussfähig. Distanz. Muttermythos. Eine Frau, mit der ich unweigerlich verbunden sein sollte. Respekt? Mitleid? Verbundenheit? Wenig da. Wir sehen uns ähnlich - immerhin. Das bleibt wohl.
Regina, 62 Jahre
„Ihr habt mich mit nichts belastet“
Diesen Satz hast du so oft gesagt. Und er stimmte – wir drei, meine Brüder und ich, haben dich mit nichts belastet. Du hast es nur anders verstanden, als wir es gemeint haben.
Natürlich hatten wir unsere Probleme. Aber die haben wir mit uns selbst ausgemacht, mit unseren Partnern oder mit anderen Menschen. Du warst immer sehr gut darin, abzulenken. Sobald es ein Problem gab, hattest du eine Geschichte von anderen parat, denen es noch viel schlimmer ging. Im Vergleich dazu erschien unser eigenes Leid plötzlich klein, fast unbedeutend. Das hat mich oft wieder beruhigt.
Und wenn das einmal nicht funktionierte, wenn wir dich doch belastet haben, dann mussten wir am Ende Dich trösten. Du konntest einfach nicht damit umgehen. Das hat mich sehr einsam gemacht. Alleingelassen. Unsicher. Immer war da die Frage, ob ich mich vielleicht einfach nur anstelle.
Aber ich will nicht verdrängen, nicht relativieren und nicht in einen Wettbewerb gehen: Wen hat es am schlimmsten getroffen? Wer leidet mehr? Dabei kommen wir doch noch ganz gut weg. So funktioniert es nicht.
Du hast gern gefeiert. Du hast vieles überspielt. Wenn es ein Problem gab, wurde das Akkordeon rausgeholt. Selbst auf deiner Beerdigung haben wir Akkordeon gespielt.
Wenn du die Traurigkeit doch einmal zugelassen hast, dann hat sie dich fast erschlagen. Dann hast du geweint. Du hast sehr viel geweint. Es musste dann raus – „mutt de rut“.
Und dann ging es weiter. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt.
Du hast jeden Raum eingenommen. Du warst nicht zu überhören. Das war anstrengend, und doch konnte dir niemand wirklich böse sein.
Für mich war darin oft wenig Platz. Vielleicht bin ich deshalb gegangen.
Ich habe nie geweint. Ich glaube, bei mir ist es eher eine lebenslange, leise Traurigkeit. Manchmal unterhalte ich mich in Gedanken mit dir. Jetzt komme ich zu Wort.
Auf deinem Sterbebett hast du gesagt, dass du mich liebhast. Ich wünschte, wir hätten mehr Nahe zugelassen. Irgendwie blieb immer alles so oberflächlich. Oft denke ich, dass etwas gefehlt hat. Ich glaube inzwischen, dass du es auch gemerkt hast, dass etwas fehlt. Du hast dich auf deine Art um Nahe bemüht. Das kann ich jetzt sehr gut sehen, es tut mir so unendlich leid, dass wir nicht wirklich zueinander gefunden haben. Aber es gab Momente von Nahe.
Ich versuche zu verstehen. Und ich versuche, unsere Familie zu heilen – oder zumindest etwas Heilung hineinzubringen.
Statt in Aktivismus oder Ablenkung zu flüchten, möchte ich genauer hinschauen. Auch wenn es weh tut.
Für mich. Für unsere Kinder. Für die, die nachkommen.
Elke, 61 Jahre
In deiner Welt scheint immer die Sonne
Die Sonne scheint und das Leben ist zum Genießen da.
Wir sollen uns alle lieb haben.
Konflikte stören dabei nur.
Ach, es ist doch nicht so schlimm.
Tut doch gar nicht mehr weh!
Reg dich nicht so auf!
Sei doch nicht traurig!
Ach, du schon wieder ...
Du hast ein Problem? Dafür gibt es doch eine Lösung. Und wenn nicht, dann akzeptiere es. Sofort!
Für das Gefühl dazwischen gibt es keinen Raum. Du hast eine Wunde? Dann kleb doch ein Pflaster darauf! Du hast Schmerzen? Nimm eben eine Tablette. Das Leben geht weiter.
Mittlerweile kann ich mich besser von dir abgrenzen, aber wie gut geht das schon bei der eigenen Mutter? Ich habe mich in der Vergangenheit bei dir häufig gefühlt wie ein Alien. Als sei es falsch, so zu sein wie ich es bin, mit all meinen Gefühlen. Das tat weh.
Heute bin ich erwachsen. Ich gebe mir nun selbst den Raum für meine Gefühle. Wenn ich Sorgen oder Ängste habe teile ich diese nicht mit dir, sondern mit meinem Partner. Dort erhalte ich die emotionale Zuwendung und das Verständnis, was ich in dem Moment brauche. Er hält aus was da ist. Auch negative Gefühle.
Ich weiß jetzt, das jedes Gefühl seine Berechtigung hat. Mir etwas sagen will. Mich durchs Leben leitet, wie ein Kompass. Bis hier hin war es ein aufreibender Weg mit vielen inneren Konflikten.
Wenn ich dir heute meine Grenzen aufzeige, stoße ich immer noch nicht auf das Verständnis, was ich mir wünschen würde. Dafür sind wir wohl zu verschieden. Du die Sonne und ich der Mond. Du strebst nach Harmonie, ich nach Wahrhaftigkeit. Du liebst Beständigkeit, ich brauche Verwandlung. Das gibt dir Sicherheit. Mir ist klar, dass es keine Sicherheit gibt.
Dann gibt es Reibung. Ich spüre, dass es dir Unbehagen bereitet. Ich erkenne, dass auch du Angst hast. Du brauchst die Verbindung. Streiten und Distanz kannst du nicht ertragen. Doch ich brauche sie manchmal um die Nähe wieder zulassen zu können. Später, dann wenn ich bereit dazu bin. Das dauert dir oft zu lang. Das setzt mich unter Druck und die Distanz zwischen uns wird nur noch größer.
Mir kommt das manchmal vor wie ein Tanz, zwischen Verbundenheit und Autonomie. Zwei ganz unterschiedliche Tanzstile, andere Schritte und Ausdrücke. Die eine tanzt lieber auf der sonnigen Oberfläche und die andere in der Tiefe der Nacht, im Untergrund. Beide Tänze sind wunderschön, wir werden wohl nie zur gleichen Musik tanzen. Das ist ok für mich.
Anke
Einander umkreisen
einander umkreisen
zwei planeten
von verwirrender unnähe
ihre umlaufbahnen kreuzen sich
nicht
Susanne, 64 Jahre
Zuerst nur
zuerst nur
feine haarrisse
fast unsichtbar
doch über die jahre
unzählbar
später dann
der abriss
dazwischen der spalt
erdmittelpunkttief
abdrift der kontinente
mutterkontinent
tochterkontinent
dazwischen ein ozean
aus tränen und leid
Susanne, 64 Jahre
Kleine Mama
Meine süße kleine Mama, immer noch so hübsch und unbeholfen und naiv.
Sie lässt mein Herz weich werden. Und dennoch, eine unbändige Wut flammt auf, immer wenn sie ihre Hilflosigkeit wieder ausspielt und mich in die vermeintliche Pflicht nimmt, so wie früher und wie immer schon.
Die Prinzessin, für die es selbstverständlich war, bedient zu werden.
Und die für uns Kinder zum Dämon wurde, wenn die Krankheit sie wieder in ihren Klauen hatte.
Der Dämon, der Papa vertrieben hat, als wir noch ganz klein waren. Gegen den es keine Macht oder Medizin gab und gibt.
Und der das kleine Mädchen, das ich war, zur Mutter der Mutter und der so viele Jahre jüngeren Schwester machte - frühreif, verlässlich, viel zu ernst.
In diesem Frühjahr ist sie achtzig Jahre alt geworden, die süße kleine Mama und der Dämon zeigt sich nur noch selten.
Meine Wut kann immer mehr der Liebe weichen, was mein Herz leichter werden und ihre Unbeschwertheit mit sanfter Milde betrachten lässt.
Und mich zu ihrem Geburtstag ein Lied für sie schreiben ließ, das so gut zu ihr passt.
Das ihr Sein genau so wie sie ist wiedergibt, ohne dass ich die Enge in meinem Inneren spüren muss, welche in ihrer Nähe sonst unweigerlich auftrat.
Ihre unfassbare Schusseligkeit und Unzuverlässigkeit, die mich als kleines Kind in tiefe Verzweiflung stürzen und als junge Frau zur Weißglut bringen konnten, betrachte ich nun mit ebendieser Milde und kann ihre naive Leichtigkeit, mit der sie - rational betrachtet - viele Dinge ohne Sinn und Verstand angeht, sogar fast bewundern.
Selbst spüren kann ich diese Leichtigkeit nur selten, die Schwere lastet noch zu sehr.
Ich hoffe weiter darauf, dass sie sich in einer zukünftigen Zeit auflöst, wie Morgennebel in die Höhe steigt und sich nie wieder absenken wird.
Und es friedlich ist.
Ava, 58 Jahre
Annäherung an meine Mutter
Liebe Mama, nach deinem Tod bist du mir oft im Traum erschienen, doch es waren peinliche oder angespannte Situationen. Dann habe ich lange nicht von dir geträumt. Das Leben hatte mich voll im Griff.
Doch in letzter Zeit träume ich wieder von dir – und jetzt freue ich mich, wenn wir einander begegnen. Du wirkst zufriedener und weniger kaputt. Als ob die Jahre des Todes dir endlich die Ruhe und Erholung gegeben haben, die dir das Leben verwehrt hat. Ich wünschte, du hättest es leichter gehabt, doch auch, dass du Hilfe angenommen hättest. Es war zu viel Last – für dich ebenso wie für mich. Ich vermisse dich, doch mein Leben ist sehr gut – du musst dir keine Sorgen machen. Danke für alles. In Liebe, Britta
Britta Badura
Mutter
Ich bekomme Schnappatmung, die Tränen rollen –
ich war vorhin bei dir und
ich gehe von Zeit zu Zeit zu dir.
Frage dich, ob du zuhören kannst,
ob ich zu dir etwas sagen darf.
Du fällst mir ins Wort,
du hast es doch schon oft gehört –
was ich nur will?
Ich nerve, das höre ich sofort,
das kenne ich zur Genüge.
Ich kehre auf der Ferse um,
gehe, verlasse ihr Haus, unerhört.
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Verständnis hatte ich mit dir zu oft, zu lange.
Ja, du konntest dich immer auf mich verlassen- es ist doch gut, was willst du denn noch? Ist doch mal gut jetzt, das ist vorbei!
Ich habe das abgeschlossen! Sagst du
Ich kam nicht zu Wort, nicht früher, nicht heute.
Katja, 57 Jahre
Wenn das meine Mutter wüsste …
Vielleicht hab ich Dich immer ein bisschen beneidet um Deine so wundervolle Beziehung zu Deinem Mann, meinem Vater. Ich weiß es nicht, denn so negative Eigenschaften schreibe ich mir nicht gern zu. Es könnte aber so gewesen sein. Denn eure Beziehung war so ideal, direkt aus dem Himmel.
Auch wenn ich euch nie zusammen gesehen habe, weil Dein geliebter Mann kurz nachdem ich auf die Welt kam, sterben musste, war diese Annahme unumstößlich. Alle anderen sagten es ja auch.
Also wollte ich Dir nacheifern. Und da kam mir Dein Satz in die Quere: Kind, wenn Du den Richtigen triffst, wirst Du das merken. Nur mit ihm wirst Du Dich ganz eng verbinden, auch körperlich.
Daraus habe ich einen Umkehrschluss gezogen. Wenn ich mit jemandem körperlich verbunden bin, dann ist es der Richtige.
Ich habe mich sehr geirrt. Und das nicht nur einmal.
Es gab Zeiten, da war ich wütend darüber, dass ich in diese Falle getappt bin. Dass ich das immer wieder versucht und nicht hinterfragt habe, ob dieser Glaubenssatz überhaupt stimmt. Dass mir keiner zugestanden hat, mal mit jemandem intim zu sein, auch ohne ihn in Gedanken schon geheiratet zu haben.
Die Wut hat nicht geholfen. Doch die Zeit. Ich habe langsam verstanden, wieso Du zu dieser Annahme gekommen bist. Und dass Du nichts weiter wolltest, als dass ich auch so eine wunderbare Beziehung haben kann.
Es ist anders gekommen, liebe Mama. Aber am Ende doch recht gut! In Umwege finden hab ich eine glatte Eins. Im Auswege finden, sagen wir, eine Drei, so mittel.
Und doch ist es gelungen, dass ich glücklich bin, jetzt und hoffentlich immer weiter so.
Wenn ich mal auf Deine Wolke darf, erzähle ich Dir davon. Aber das meiste weißt Du ja schon.
Deine Tochter
Christine R.
Muttertag 2025
Der mähfreie Mai lässt die Wiesenblumen wieder einmal besonders schön erblühen. Das erinnert mich sogleich an die Muttertage meiner Kindheit, an denen ich mit meinen Freundinnen dicke Sträuße aus Butterblumen, Wiesenschaumkraut, Rotklee und Margeriten pflückte. Meine Mutter konnte sich damals über die Pracht, die oft nur wenige Stunden anhielt und dann "eine Riesen-Schweinerei" machte, nur mäßig freuen. Heute kann ich es fast verstehen.
Vor zehn Jahren begann eine Zeit, in der gab es wöchentlich einen "Muttertag". Nachdem sie an Demenz erkrankt war, wollte ich, dass meine Mutter so lange wie möglich in ihrem Zuhause wohnen bleiben konnte. Freitags war unser Tag, an dem ich zu ihr fuhr, an dem wir alles Notwendige besprachen und regelten und uns am Ende in ihrem Lieblingscafé mit Kaffee und Kuchen belohnten.
Als ehemalige Lehrerin, die sich nie von gekauften Materialien getrennt hatte, hatte sie sich ein Schulheft angelegt, voll mit den Namen der Nachbar*innen, der Leute aus ihrem Kirchenchor, der Ergotherapeutin und der Fußpflegerin und der "Gouvernanten", einem kleinen Club ehemaliger Lehrerinnen, die sich regelmäßig bei ihr trafen. Es lag griffbereit in der Küche, um im Ernstfall schnell zur Hand zu sein.
Noch heute habe ich einen dicken Kloß im Hals, wenn ich daran denke, wie sie zu mir sagte, sie hoffe, dass sie niemals meinen Namen in dieses Heft mit eintragen müsse. Inzwischen wohnt sie in einem Pflegeheim. Wenn ich sie einmal in der Woche besuche, hat sie nicht nur meinen Namen vergessen, sondern auch, dass ich ihre Tochter bin. Und dass sie meine Mutter ist. Ich bin jetzt einfach eine freundliche Frau, die ihr das Essen reicht.
Und die Blumen für sie kaufe ich vorher schnell im Laden, jedes Mal mit einem Beutelchen Frischhaltemittel. Sicher ist sicher.
Eva, 63 Jahre (Text von 2025)
Gegenleistung
Du
hast mir
das Leben geschenkt
seitdem forderst du meine
Liebe
(anonym)
Die Stimmen im Spiegel
Über das, was Mütter weitergeben - ohne es zu wissen
Immer wenn ich in den Spiegel schaue oder in eine Kamera blicke, höre ich sie.
„Mach doch was mit deinen Haaren."
Sie meinte es gut. Das weiß ich. Ratschläge zu Frisur, Kleidung, Figur – „Zieh dich netter an. Mach was aus dir. Du solltest vielleicht etwas abnehmen." Gut gemeint. Immer gut gemeint. Und trotzdem haben sich diese Sätze irgendwo in mir eingenistet, tief, still, und arbeiten bis heute.
Mit einer attraktiven Mutter aufzuwachsen, der Äußerlichkeiten alles bedeuteten, war hart. Besonders in der Pubertät, wo man sich selbst erst sucht, wo man noch so leicht zu erschüttern ist. Ich habe mich erschüttern lassen. Mehr, als ich damals wusste.
Sie hat weitergegeben, was man ihr gegeben hat. Meine Großmutter war genauso. Und so höre ich sie alle – Mutter, Großmutter, Tante, Schwester – einen ganzen Chor aus Frauenstimmen, deren Blick auf andere Frauen immer zuerst bei den Äußerlichkeiten landete. Nicht nur bei mir. Bei allen. Ich frage mich manchmal, ob sie je gespürt haben, was das anrichtet. Was es bedeutet, jahrelang so angeschaut zu werden.
Und gleichzeitig – ich liebe meine Mutter.
Das ist kein Aber. Das ist kein Trotzdem. Es ist einfach wahr.
Wenn ich an sie denke, sehe ich sie wirklich. Wie sie immer gebacken und gekocht hat. Wie sauber alles war, wie warm die Wohnung, wie das Treppenhaus nach Plätzchen roch, wenn sie da war. Wie sie sich umgezogen hat, bevor mein Vater nach Hause kam – die Müdigkeit des Tages weggeschminkt, das Haar gemacht, als wäre nichts gewesen. Als Frau darf man nicht sehen lassen, was der Alltag kostet. Das hatte man ihr beigebracht, und sie hat es mit einer Würde getragen, die ich heute bestaune.
Die perfekte Geisha. Und sie hat es aus Liebe getan. Das glaube ich wirklich. Sie hat alle bekocht und verwöhnt – das war ihre Art, Liebe zu zeigen. Statt einer Umarmung oder einem lieben Wort. Sie kannte es nicht anders. Hat es nie anders gelernt.
Ich bin keine Hausfrau. Wenn ich nach Hause komme, bin ich müde und verschwitzt, und man sieht mir an, wie mein Tag war. Und obwohl ich längst erwachsen bin, obwohl ich das alles verstehe, flüstert trotzdem manchmal eine Stimme: So solltest du dich deinem Mann nicht präsentieren.
Ich höre sie. Ich erkenne sie sofort. Und manchmal glaube ich ihr trotzdem.
Das ist das Erschreckende. Nicht, dass die Stimmen da sind. Sondern dass sie noch greifen.
Ich bekomme Panik, wenn ein Foto nicht stimmt. Ich ringe um Sichtbarkeit auf Social Media und frage mich gleichzeitig, warum mir das so schwerfällt – und dann weiß ich es wieder. Weil all diese Stimmen noch da sind, leise, aber beharrlich: Du bist nicht genug. Nicht gut so, wie du bist. Ich bin eine erwachsene Frau. Ich weiß das besser.
Und trotzdem.
Ich habe eine Tochter. Sie ist wunderbar und ganz anders als ich. Ich sage ihr, wie schön sie ist. Ich ermutige sie, unterstütze sie, und wenn sie zweifelt, sage ich ihr: Scheiß auf die anderen. Mach, was du willst. Zieh an, was du willst. Sei du selbst.
Ich meine es so. Jedes Mal.
Und manchmal, wenn ich das sage, denke ich an meine Mutter. Daran, dass sie das nie gehört hat. Dass niemand ihr das je gesagt hat. Dass sie auch eine Tochter war, die sich eine Umarmung gewünscht hätte. Ein liebes Wort. Jemanden, der ihr sagt: Du bist gut so, wie du bist.
Vielleicht hat sie mir das Einzige weitergegeben, was sie selbst gelernt hatte.
Ich liebe sie. Und manchmal gewinnt die Stimme trotzdem.
Kathi, 56 Jahre
Wenn das meine Mutter wüsste
die fassade bröckelt
die fassade bröckelt
doch immer noch
gewährst du
keinen einblick
hältst das innerste
fest verschlossen
warum sehnst du dich
nicht auch wie ich
nach weite und licht
nach wärme
die ins innere
vordringen darf
warum nicht
mama
Susanne, 64 Jahre
Meine Mutter hat gesagt
„Auf Lachen folgt Weinen, das soll man nicht meinen, aber es stimmt.“
Und:
„Kind, du musst sparen für schlechte Zeiten.“
Zwei Sätze, die mich geprägt haben. Zwei Sätze, in denen eine gemeinsame Botschaft steckt: Trau dem Glück nicht zu sehr. Es hält sowieso nicht lange. Und sei vorbereitet – es könnte jederzeit kippen. Und ich merke, wie sehr mich das begleitet hat. Bis heute. Ich bin ziemlich gut darin geworden, innerlich schon mal vorzusorgen. Die Gedanken drehen schnell nach vorne: Was könnte passieren? Was, wenn es schiefgeht? Was, wenn das Gute nicht bleibt?
Selbst in schönen Momenten gibt es da dieses leise Stimmchen: „Pass auf … es könnte auch schnell wieder anders werden.“Und genau da wird es manchmal schwer, mir selbst zu erlauben, einfach nur glücklich zu sein. Ohne Vorbehalt. Ohne Sicherheitsnetz im Kopf.
Und dann ist da diese Erinnerung.
Ich war vielleicht drei oder vier Jahre alt. Mein Vater studierte damals noch, und meine Mutter machte am Wochenende oft Ausflüge mit uns. Einer davon führte uns an einen See in Gelsenkirchen.
Große alte Bäume, eine weite Wiese, und überall Enten und Gänse – es war Mauserzeit, und der Boden war voller Federn. Irgendwann entdeckte ich etwas. Diese kleinen Federn ließen sich ganz vorsichtig aufs Wasser setzen und dann schwammen sie. Wie kleine Boote. Wie eine leise, zarte Flotte, die einfach loszieht. Ich war sofort fasziniert.
Mein Bruder machte mit, und wir setzten eine Feder nach der anderen aufs Wasser.
Eine kleine Parade aus Segelschiffchen entstand. Heute würde ich sagen: Ich war im Flow. Damals war ich einfach nur glücklich. Ich habe keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, ob dieser Moment irgendwann vorbei sein könnte. Ich habe ihn einfach gelebt. Irgendwann blieben Menschen stehen. Ältere Spaziergänger, die uns zuschauten. Eine Dame kam zu mir, hielt mir eine Handvoll Federn hin. Ich schaute sie an und sagte: „Mach doch selber.“Sie lächelte und sagte: „Ich kann mich nicht mehr so gut bücken.“
Also habe ich ihre Federn genommen und sie für sie aufs Wasser gesetzt. Sie setzte sich zu meiner Mutter und erzählte ihr wohl, was für zauberhafte Kinder sie habe. In diesem Moment fand meine Mutter das vermutlich auch.
Wenn ich heute daran denke, spüre ich es wieder:
Dieses reine, unverstellte Glück. Dieses völlige Aufgehen im Moment. Und ich weiß: Das ist auch ein Teil von mir. Nicht die vorsichtige Stimme. Nicht die, die immer schon das nächste „Aber“ sucht. Sondern die, die einfach da ist. Spielt. Staunt. Genießt.
Und vielleicht ist genau das meine leise Antwort darauf: Ja, liebe Mutter, deine Stimme darf da sein. Aber ich darf wählen, welcher ich folge. Und ich entscheide mich immer öfter für die andere.
Für die, die sagt: Genieß den Augenblick. Wirklich. Mach ihn dir nicht kaputt, indem du ihn schon verlässt, während du noch mitten in ihm bist.
Beate, 63 Jahre
Wenn meine Mutter wüsste, dass ich das alles in einen öffentlichen Blog schreibe ...
Wenn ich an meine Mama denke, die Frauen davor und die Frauen, die mich in meiner Kindheit begleitet haben, öffnet sich einerseits als Schatztruhe und Kraftquelle das Urvertrauen aus meinen frühen Kindheitstagen und andererseits eine Schattenwelt aus fehlendem Selbstbewusstsein, Unsicherheit und Angst. Letzteres ist geprägt aus Glaubenssätzen wie: „Sei lieber still…. ecke nicht an...nimm dich nicht so wichtig….pass dich an…..entschuldige dich…hoffentlich bekommen das die Nachbarn nicht mit.“ Beide Welten begleiten mich. Manchmal gewinnt die eine Seite der Geschichte, oft übernimmt die andere Seite die Vorherrschaft. Ein gesunder Ausgleich ist mein Traum. Ich habe lange gehadert, der Aufforderung von Eva zu folgen. Warum? Ich mag ihren „Kaffee“-Newsletter am Sonntag, ihre „Anstupser“, genauer auf die Familiengeschichte und meine Geschichte und mich zu schauen und meinen Blick auf mich selbst zu hinterfragen. Ich lerne jetzt erst, dass ich nicht verantwortlich bin, für das Leben und Glück meiner Familie oder anderer in meinem Lebensumfeld. Eine Freundin gab mir schon einmal den Rat: „Antje, du bist nicht jedermanns Nutellaglas.“ Harmonie sollte nicht um jeden Preis erkauft werden. Disharmonie und den Tritonus auszuhalten, fällt mir immer noch schwer.
Wenn ich Eva zuhöre oder ihr Geschriebenes in mich aufnehme, schwingt oft eine Saite in mir in Resonanz. Vielleicht weil meine beiden Elternteile (Jahrgang 1936) als Kriegskinder des 2. Weltkrieges Flucht, Vertreibung, Verlust der Väter und der Heimat, Hunger, Todesangst im Lebensgepäck mit sich führten. Eine gesunde Erde für eine Familie und das Aufwachsen ihrer Kinder fehlte. Erst nachdem mein Bruder und ich ausgezogen waren, trennten sie sich, viel zu spät. Das aufwachsende Kind versuchte die fehlende Harmonie und den Familienfrieden an Stelle der unfähigen Eltern zu pflanzen. Was natürlich nicht gelingen kann. Die eigene emotionale Entwicklung ist in den Kinderschuhen stecken geblieben, was sich noch heute in einer nicht gesunden Streitkultur mit meinem Ehemann zeigt. Letzteres ist eine der wichtigen kleinen Erkenntnisse aus einem Kurs von Eva. Vielen Dank dafür!
Ich haderte aber auch, der Schreibeinladung von Eva zu folgen, weil mir ihr Fokus, „nur“ auf die Frauen der Familiengeschichte zu schauen, zu einseitig erscheint. Die in meiner Familie nicht anwesenden Väter und Großväter prägen mich genauso stark und ihr Weglassen würde mich halbieren.
Die Familiengeschichten spuken noch unsortiert in meinem Kopf herum. Sonnen- und Heldengeschichten, aber auch viel Nachtgespenster-Geschichten von Tod, Selbstmord, Euthanasie, Verlust an Menschen, Heimat, Land und Gut, gesellschaftlicher Stellung. Beide Seiten der Geschichte wurden mehr oder weniger offen in der Familie erzählt und „vom Kind unterm Tisch“ neugierig aufgesogen. Sie wollen raus, verstanden werden und sich mit den Personen auf den vielen Fotos wieder vereinen. Eva spricht weise vom „roten Faden finden“, wie Perlen einer zerrissenen Perlenkette. Leitfaden sind mir auch die wichtigen Sätze von Viktor E. Frankl: Du bist frei und verantwortlich für die Art und Weise, wie du dein Leben gestaltest… Deine Existenz ist nicht so wie das Vorhandensein eines Baumes, sondern ist Verantwortung, die du auf keinen anderen abwälzen kannst.
So jetzt geht die eigentliche Heldinnen-Geschichte los…
Es ist eine Geschichte der stillen, auf den zweiten Blick mutigen und starken Frauen. Sie stehen in keinen Geschichtsbüchern und doch, ohne sie, ist Alles nichts.
Eine erste Heldin taucht aus den Nebeln der Vergangenheit auf. Meine Oma Berta, die ohne Mann, er war 1944 in der Ukraine gefallen, und verlorener Heimat als Flüchtling drei Töchter alleine großzog und sich nie beklagte. Mit 61 Jahren übernahm sie die Betreuung meines Bruders, der damals 1 Jahr und 2 Monate war. Ihre Tochter, meine Mama, musste ab Mai 1966 wieder als Betriebsökonomin arbeiten, da das Geld mit einem Verdiener nicht ausreichte und keine Betreuungsmöglichkeit für meinen Bruder in Cottbus bestand. Nur am Wochenende fuhr meine Mama von Cottbus nach Kummersdorf zu meinem Bruder. Wie ging Berta damit um, dass ihre jüngste Tochter, Marianne, mit ihren drei kleinen Kindern in den Westsektor von Berlin umzog und sich 1961 der Eiserne Vorhang durch den Mauerbau schloss? Was empfand sie als Ihre Mutter Marie in den 1940er Jahren in die Nervenheilanstalt Sorau geschickt wurde und kurze Zeit später tot von dort zurück kam? "Verrückt" wurde sie nachdem der jüngste Sohn Paul wegen Meineids ins Zuchthaus kam. Sie vergrub Lebensmittel für ihren Sohn auf dem Hof. Auf dem Hof konnte sich keiner um sie und ihre Krankheit kümmern. Ihr Mann hoffte wohl, dass sie gesund aus Sorau zurück käme. Wie erklärte sie sich den Tod Ihres Bruders? Was dachte sie über die heftigen Streits meiner Eltern, die sie während Ihrer Besuche in Cottbus miterlebte? Ich habe nur eine gutgelaunte singende Oma in Erinnerung, die mir Handarbeiten beibrachte, bei der ich die Sommerferien verbrachte, die aus ihrem evangelischen Glauben Kraft schöpfte, die nie wieder einen anderen Mann hatte, Quarkkrapfen in Schweineschmalz bruzzelte, Karpfen und Aal liebte, Flusskrebste fangen konnte, ein Geheimversteck für Kutscherbalken in der Dachkammer hatte, die im Osten als Zahlmittel für Tauschgeschäfte gebraucht wurden. Nachts durfte ich in einen Eimer pullern, damit ich nicht im Dunkeln über den Hof auf das Plumpsklo gehen musste. Die Cousinen im Westen beneideten uns Ost-Cousinen dafür, dass wir diese Oma regelmäßig hatten. In den Westen durfte sie erst als Rentnerin und nur 1-2 mal im Jahr zu Besuch fahren.
Zur Erinnerung an Oma Elsbeth, die Cottbuser Oma, deren Ehemann im Krieg vermisst wurde und der sie im gerahmten Foto in Wehrmachtsuniform - wie bei Berta - bis an ihr Lebensende begleitete. Auch sie hat nur selten von früher erzählt, von dem wohlhabenden Elternhaus vor dem Krieg. Sie hat Hauswirtschaft gelernt und vor ihrer arrangierten Heirat in einer Arztfamilie gearbeitet. Die von ihr erlebten Massaker und Gewalttaten im Januar 1945, verübt von russischen Soldaten, waren erst nach ihrem Tod ein Gesprächsthema. Sie hatte nach Flucht und Lagerhaft nie wieder eine Beziehung mit einem Mann.
Eine weitere wichtige Heldin meiner Kindheit ist eine Groß-Tante Margarete, die mich in meinen ersten Lebensjahren begleitete. Meine Mama ging kurze Zeit nach meiner Geburt wieder arbeiten. Ein tiefes Gefühl von Wärme umfängt mich, wenn ich die Bilder von ihr sehe und wenn ich ihre Schmuckstücke trage. Welchen Schmerz hat sie gefühlt und Verlust, als ihr Mann aus einem Kriegsgefangenenlager bei Alexandria in Ägypten schrieb und ihr einziger Sohn mit knapp 18 Jahren, wie ihr Mann zur Marine und in den Krieg ging/gehen musste. Gemeinsam mit seinem Cousin suchte ihr Sohn sein Glück nach 1945 in den USA. Durch die Mauer und Entfernung konnte er nur selten seine Mutter im Osten besuchen. Die Fotos von den Verwandten aus den USA, von den Niagara-Fällen, vom Death Valley bedeuteten für mich als Kind die unerreichbare ferne weite Welt und Freiheit.
Meine Mama und Anti-Heldin Adelheid „Heidi“: Sie war keine Frau, die im Mittelpunkt stehen wollte. Sie hielt die Familie zusammen, kämpfe gegen die Mauer, um den Kontakt mit ihrer Schwester im Westen zu halten. Ihre Schwester taucht immer wieder als schwarzer Fleck in ihrer Kaderakte als „republikflüchtig“ auf. Sie trifft die menschlich richtigen Entscheidungen. An einen Herrn Oberstleutnant Laws schrieb sie am 30.4.1980: „Ich hätte in einem anderen Organ des Staatsapparates verbleiben können, wenn ich sofort die Verbindung zu meiner Schwester abgebrochen hätte.“ Sie arbeitete derzeit im Rat des Bezirkes Cottbus als Betriebsplanerin.1980 musste sie per Überleitungsvertrag als Sachbearbeiterin in das VEB Getränkekombinat Cottbus wechseln. Ich bin geprägt vom Aufwachsen in der DDR mit zwei Wahrheiten: die eine galt für zu Hause und die andere war das, was in der Schule gesagt werden musste. Das DDR-Regime riss Familien auseinander, beschied Ein-/Ausreiseanträge positiv oder meist negativ. Nur 2-mal im Jahr konnten sich die Familien aus Ost- und Westdeutschland treffen, meist bei uns in Cottbus. Drei Familien mit 7 Kindern und Großeltern wohnten für mehrere Tage in unserer 4-Raum Wohnung. Es war für uns Kinder Abenteuer, Camping, Aufhebung aller Regeln, langes Aufbleiben, Feiern und der Geruch nach dem Westen kitzelt noch heute meine Nase. Im Gepäck waren immer Comics, die Bravo, Steiff-Tiere und Puppen. Ich habe keine Vorstellung davon, wie meine Mutter das organisiert und alle mit Essen versorgt hat.
Meine Mama war stolz auf Ihren beruflichen Werdegang. Sie ergriff die Chancen, die sich ihr boten und besaß den Mut mit 16 oder 17 Jahren allein und ohne offizielle Aufenthaltsgenehmigung nach Berlin zu gehen. Sie wohnte dort bei einer befreundeten Schneiderin in Berlin Friedrichhain, erlernte das Schneiderhandwerk und verdiente so ihr erstes eigenes Brot. Auf Dauer und für Berlin funktionierte das Lebenskonzept allerdings nicht. Der Vater einer Freundin war Gewerkschaftsvorsitzender/-funktionär und bot ihr eine Stelle zur Ausbildung als Stenotypistin. Sie ergriff die Chance und wechselte nach Beeskow.
Trotz des nur achtklassigen Schulabschlusses erkletterte sie durch Fleiß die berufliche Karriereleiter von der Stenotypistin über die kaufmännische Ausbildung zum Verkehrskaufmann bis zur Betriebsökonomin im Binnenhafen Königs Wusterhausen. Sie handelte, wenn es wichtig war. Als Jugendliche, sie hatte sich selber das Schwimmen im Kummersdorfer-Storkower Kanal in Kummersdorf beigebracht, rettete sie eine Freundin vorm Ertrinken.
Eine Nacht in der Verwahrzelle im alten Rathaus Johannisthal: Am 2. Juni 1962 heiratete ihre Cousine in der alten Pfarrkirche Berlin-Altglienicke. Adelheid, damals 25 und Betriebsökonomin im Binnenhafen Königs Wusterhausen, und ihr damaliger Freund waren Gäste der Hochzeitsfeier. Nachts auf dem Heimweg bogen sie auf der Schönefelder Chaussee statt nach rechts, nach links ab. Sie wurden wegen des Verdachts der Republikflucht festgenommen. Sie waren der Mauer, dem am 13. August 1961 gebauten „antifaschistischer Schutzwall“, gefährlich nah gekommen. Als sie von den Grenzsoldaten entdeckt wurden, ließ ihr Freund das in der Hosentasche mitgeführte Westgeld fallen und verbuddelte es notdürftig. Sie wurde verhört und verbrachte eine Nacht mit ihrem damaligen Freund in einer Verwahrzelle im Keller des Ministeriums für Staatssicherheit bzw. Volkspolizei-Inspektion im vormaligen alten Rathaus Johannisthal, Sterndamm 102. Nachdem ihr Vorgesetzter, ein Gewerkschaftsfunktionär im Binnenhafen, der von den Ermittlern angerufen wurde, die Hand für die „systemtreue Kollegin Kruschel“ ins Feuer gelegt hatte, und auch das Hochzeitspaar in Alt Glienicke in einem Interview bestätigte, dass beide wohl wegen zu viel Alkohols vom „rechten Weg“ abgekommen seien, kam sie frei. Ihr Freund musste noch eine weitere Nacht in der Zelle verbringen.
Wer war ihr „Tanzpartner“. Laut ihrer Schwester Lotti war sein Name Werner, er war verheiratet und hatte ein Kind bzw. seine Frau erwartete ein Kind. Er war Adelheids Arbeitskollege im Binnenhafen und half ihr beim Einrichten ihrer ersten Wohnung in Eichwalde. Kurze Zeit danach trennte sie sich von ihm. Hatten Sie sich wirklich wegen zu viel Alkohol „verlaufen“ oder stand eine andere Absicht dahinter?
Nach der Heirat mit meinem Vater und der anstehenden Geburt von Torsten (meines Bruders) hat sie sicher nicht leichten Herzens ihre neue Heimat (Trebatsch, das Mühlenheim in Kummersdorf, Beeskow) mit Cottbus getauscht. Die Wohnsituation in der alten Mühle bei Cottbus, kein fließendes Wasser, alte nicht funktionierende Öfen, eine schwierige Schwiegereltern/-großeltern- Konstellation, war mehr als prekär. Alle Familienmitglieder mussten entwurzelt neu anfangen.
Die letzten Jahre mit meiner Mama waren geprägt von der Pflege wegen Ihrer Parkinson-Erkrankung, aber auch ehrlichem Reden, Streiten und - vor dem Schlafen gehen - Vertragen. Meine Mama war ungewollt gut darin, mir ein schlechtes Gewissen zu machen und ich bin immer wieder bereitwillig in den Fallstrick getappt…. ich sei keine gute Mutter oder Ehefrau und müsse mich anders bei Auseinandersetzungen verhalten. In den Jahren entstand aber auch ein Frieden mit meiner Mama, da ich ihre Ängste und eigenen Schranken begriff. Ich weiß heute, dass ich viel Mut und Tatkraft von ihr in mir trage. Aber ich gehe meinen eigenen Weg selbstbewusster, weil ich Zusammenhänge besser verstehen und einen tollen Mann als Begleiter habe.
Antje, 54 Jahre
Meine Mutter und ich
Ich bin dadurch eine sehr verantwortliche Frau geworden.
Erika
Gesehen werden
Ich war nur wenige Sekunden an deinem Totenbett, Mutter...
Sekunden können überaus dicht und intensiv sein. Meine Zeit an deinem Totenbett, Mutter, genügte, um einen nachhaltigen, überaus intensiven Eindruck deiner noch geöffneten Augen zu bekommen...
Wo andere die Gelegenheit nutzen, noch einmal mit dem Verstorbenen zu sprechen oder ihn zu berühren und so Abschied zu nehmen, war mir unsere Begegnung an diesem Abend, die ja keine wirkliche Begegnung mehr war, ziemlich unangenehm, Berührung und Worte erschienen mir völlig abwegig. Was ich aber sah, berührte mein Herz tief:
Du schautest!
Du schautest mit deinen toten Augen,
die doch nichts mehr sehen konnten,
mit einem Ausdruck des Staunens, ja, vielleicht sogar der Erleichterung
an die Zimmerdecke oder – wer kann das schon wissen? –
vielleicht darüber hinaus,
vielleicht in eine Weite, die jenseits von Zeit und Raum liegt...
Ich verstand deinen Gesichtsausdruck als ein erstauntes „Ach so!“
Und ich phantasiere weiter: „Ach - so ist das! Da ist ja Licht, Freude, Liebe! Da sind ja liebende Arme, die mich entgegennehmen...“
Weiterlesen
Hell, voller Licht, Erleichterung, Freude – so kannte ich deine Augen kaum. In meiner Erinnerung sind dagegen viele, viele Bilder deiner dunklen, schmerzvollen, wutentbrannten braunen Augen abgespeichert.
Dunkel und traurig waren deine Augen, wenn du, als ich Kind war, nachmittags von deiner harten Fabrikarbeit und anschließenden Einkäufen nach Hause kamst und als erstes an der Wohnungstür die Schuhe abstreiftest und dann, noch im Mantel, auf Perlonstrumpffüßen über den spiegelblank gebohnerten Linoleumfußboden ins Wohnzimmer liefst, um dort den Fernseher einzuschalten.
Du schaltetest den Fernseher an – schautest aber nicht hin. Gingst in die Küche, um die Einkäufe einzuräumen, oder um Stofftaschentücher, Unterwäsche und Handtücher zu bügeln, zu glätten, und die Stimmen aus dem Fernseher dienten vermutlich dazu, deine aus den Tiefen deiner Seele aufsteigenden Gefühle von Schmerz, Wut, Trostlosigkeit zu übertönen...
Ich weiß: Es gab so vieles in deiner Seele, das du übertönen musstest... Deine Angst, deinen Schmerz, deine Wut zu verstehen, war und ist für mich so wichtig, Mutter! Es hilft mir, das, was du mir angetan hast, zu verstehen und mich Schritt für Schritt, ganz langsam, davon zu lösen…
Als der Zweite Weltkrieg „ausbrach“, als „seit 5:45“ - vorgeblich – „zurückgeschossen“ wurde, warst du 17 Jahre alt und hattest in deiner Heimat, dem Sudetenland, und in deiner Familie mit Sicherheit schon 1000fache Lügen, Verdrehungen der Wahrheit, Demütigungen, Erniedrigungen, Entwertungen erfahren. Du hattest keinen Schulabschluss machen dürfen, da du für deinen älteren Bruder Rud’, den „Wertvollen“, in reicheren Familien als „Mädchen für alles“ – ja, ich denke: für „alles“ – dienen musstest, um eurer armen Familie die Schulausbildung des Erstgeborenen, in den alle Hoffnung gesteckt wurde, zu ermöglichen. Später musstest – oder durftest – du in einem „Arbeitserziehungslager“ als Sekretärin arbeiten, vermittelt durch deinen Vater, den Lagerleiter, der – wie du später wiederholt erzählt hast, Gefangene dort nach Gutdünken, Lust und Laune, erschossen hat, nachdem er ihnen den Befehl: „Lauf!“ gegeben hatte, woraufhin du in die Akte „auf der Flucht erschossen“ eintragen musstest. Was du mit eigenen Augen gesehen hattest, deine Wahrheit, musste verleugnet werden. Für deine Wahrheit gab es bei den Menschen deines Lebens kein Gehör.
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Deine Strategie gegen dein häufiges Erleben von Ohnmacht hieß: Kämpfen, dich Abstrampeln, den Dreck beseitigen, Kontrolle erlangen. Dich niemals mehr, niemals mehr schlecht behandeln lassen. Dich wehren. Das Heft in die Hand nehmen.
So begannst du, dein Bügeleisen und andere intakte Geräte aufzuschrauben, einfach um zu verstehen, wie sie aufgebaut waren, damit du im Zweifelsfall selbst Hand anlegen konntest. Kompetenzen zu entwickeln, war dein Wundermittel zur Autonomie.
„Lern’, Kind, lern’!“ Gebetsmühlenartig hast du mir das immer wieder aufgetragen. Es war dein Credo, dein Glaubenssatz. „Lern’, Kind, lern’!“ Damit meintest du aber nicht nur Bildung im klassischen Sinne. Deine Hoffnung lag wohl darin, dass man durch eine gute Schulbildung bessere Ausgangschancen hätte im späteren Leben, bessere Chancen für eine Berufsausbildung, die dann Verdienstmöglichkeiten eröffnen würde.
Dein innerer Antrieb ging aber noch weiter. „Lern’, Kind, lern’!“ hieß auch: Lerne schwimmen! Lerne Fahrradfahren! Lerne, auf Bäume zu klettern! Lerne, mit der Bohrmaschine umzugehen! Tapezieren! Reifen wechseln! Mach dich unabhängig! Werde vor allen Dingen nie, niemals abhängig von der Willkür eines Mannes!
Die Demütigungen, Erniedrigungen, die du in deinem Leben erfahren musstest, sollten uns erspart bleiben! Du wünschtest dir für deine Töchter, wenn die schon nicht mit dem privilegierten Geschlecht auf die Welt gekommen waren, dass sie in einem Bereich Beschäftigung fänden, der Freude und das Gefühl von Sinn bringen würde, vor allem aber so einträglich wäre, dass man sich nicht lebenslang so sehr abstrampeln, „krummlegen“ müsste, wie du sagtest, sondern mit mehr Bequemlichkeit durchs Leben kommen könnte.
„Rette dich!“, hörte ich da heraus – „Ich sage dir: Rette dich!“
Rette dich – das hieß für mich schon bald aber vor allem:
Verschwinde! Flieh! Raus aus der Gefahrenzone!
Ich floh, so oft ich konnte, aus der winzigen, makellos blitzenden und blinkenden Wohnung, in der alle Türzargen gesplittert waren, weil du dich, wenn ich mich eingeschlossen hatte, mit Wut und Wucht gegen die geschlossenen Türen geworfen hattest. Aber diese Fluchten genügten nicht. Mich zu retten war für mich als Kind nicht einfach…
Es brauchte später eine ganze Armada von Psychotherapeuten, die mir in jahrzehntelanger, geduldiger Arbeit halfen, zu entkommen, um bei mir selbst anzukommen. Die mir ihr Ohr schenkten, Wege und Geländer wiesen, mich anschauten. Es dauerte viele Jahre, bis ich glauben konnte, dass sie mich sahen.
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Hast du dich jemals gesehen gefühlt, Mutter? Jemals in deinem Leben?
„Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen“ – schreibt Hilde Domin in ihrem Gedicht „Es gibt dich“:
„Es gibt dich
Weil Augen dich wollen,
dich ansehen und sagen
dass es dich gibt.“
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Ich hatte vor dir, meiner Mutter, der Hexe, abgrundtiefe Angst. Du warst so maßlos in deiner Wut. Ich fürchtete allein schon deinen bösen Blick, wollte nicht angeschaut werden.
Deine tiefdunklen, schmerzvollen Augen, Mutter, waren so bedrohlich. Sie verfolgten mich häufig noch im Dunkeln, im Bett, wenn ich vergeblich versuchte einzuschlafen. Überall, wo Angst war, waren auch diese Augen – im dunklen Keller, wenn ich da mal hingeschickt wurde, im fensterlosen, dunklen, engen Kabuff, wo ich zur Strafe eingesperrt wurde und ergeben warten musste, bis die Frau, zu der die Augen gehörten, mich wieder herausließ, manchmal nach langem bitterlichem Flehen, manchmal nach eigenem Gutdünken. Unberechenbar. Und es war etwas zutiefst Verletztes in diesem Blick – er erreichte meine ungeschützte Seele auf direktem Weg, während die Schläge im Normalfall von meinem weggeduckten Körper – häufig dem Nacken, den Schultern, dem Rücken entgegengenommen wurden; seltener gab es Ohrfeigen, Faustschläge ins Gesicht... du schlugst ja einfach besinnungslos drauf, und es schien irgendwie egal, wohin die Schläge gingen... Der böse Blick dagegen war wortlos und sprach dennoch Bände. Er war voller Vorwurf und Anklage, weil ich ja irgendetwas Böses getan hatte, aber wohl noch weit darüber hinaus: weil ich einfach von Grund auf böse war, grundlegend falsch, die Enttäuschung deines Lebens in Person. Und all dein eigener tiefer Schmerz lag in dem Blick, den ich mitfühlte, in dem ich mich mit dir durchaus verbunden fühlte und für den ich mich schuldig fühlte.
Habe ich mehr unter dem bösen Blick gelitten oder unter deinen Prügelexzessen?
Oder unter dem unberechenbaren Wechsel zwischen katastrophal böser Mutter und derjenigen, die freundlich beim Putzen Küchenlieder sang und dabei mit sich selbst ganz im Reinen zu sein schien?
Ich hatte einfach Angst. Angst, Angst, Angst.
Während meiner ersten Schuljahre, als ich schon „Schlüsselkind“ war, weil du in der Fabrik warst, um mit Fließbandarbeit das knappe Familieneinkommen aufzubessern, gab es eine Phase, in der ich regelrechte Gespensterangst entwickelte. Wenn ich die Wohnungstür aufschloss, drückte ich mich gleich mit dem Rücken an die Wand in der Diele, weil ich das, was in meinem Rücken war, ja nicht sehen, nicht kontrollieren konnte. Zur selben Zeit hatte ich große Angst beim Einschlafen. Ich hörte meinen Herzschlag und fürchtete, wenn ich einschliefe, also die Kontrolle aufgeben würde, würde mein Herz aufhören zu schlagen und ich würde im Schlaf sterben. Dann wäre ich einfach nicht mehr da. Ich wollte ja gern schlafen – war so müde -, traute mich aber nicht. Todesangst.
Eine Zeit danach entwickelte ich eine Herzsymptomatik: Bluthochdruck, Herzrasen, Herzstolpern – der sonst so verlässliche Herzschlag setzte einfach aus, als wollte er sagen: „Ha! Du wirst schon sehen! Ich schlage, wann ich will!“
Ich schlage, wann ICH will, sagt das Herz.
Ich schlage dich, wann ICH will, sagt die Mutter-die-Hexe. Du hast es nicht anders verdient!
Hat sie sogar mein Herz verhext?
„Ich krich se!“ Ich kriege wieder Prügel – immer und immer wieder war dies mein angstvoller Ausruf – selbst als ein Auto mich auf dem Zebrastreifen angefahren hatte und ich Trost gebraucht hätte.
Und das waren, weiß Gott, keine Einzelfälle. Prügel unter totalem Kontrollverlust zogen sich durch meine Kindheit, durch meine Jugend auch noch, bis ins Erwachsenenalter.
„Ich werd’ dir geben!“ Mit der Faust ins Gesicht. Besinnungslos.
Reichten Prügel nicht, um dich abzureagieren, verwüstetest du, meine Mutter, die Hexe, das Kinderzimmer, hast alle Dinge und Kleider aus den Schränken gerissen und, während du zusätzlich auf mich einschlugst, zu einem großen Haufen auf den Boden geworfen, das Zimmer verlassen, die Tür zugeschlagen und mich in dem Berg der Verwüstung allein gelassen mit dem Auftrag, das alles jetzt aufzuräumen.
Ich habe versucht, mich durch Unterwürfigkeit wieder in eine bessere Position zu bringen. Habe wieder und wieder versprochen, ab jetzt immer lieb zu sein und gebettelt: „Bitte, Mama, hab mich doch wieder lieb!“
Mit neun Jahren habe ich mich, unaufgefordert, in der Kirche knieend, bei der „Adveniat“-Sammlung plötzlich aus tiefstem Herzen „bekehrt“ gefühlt: „Spende nicht deine paar Pfennige für die armen Kinder! Bring du erst mal deine Familie in Ordnung!“
Ich nahm den „Auftrag“ an fühlte mich gleich geehrt, wichtig, hatte endlich eine Daseinsberechtigung – aber: Meiner Mutter – der Hexe - konnte ich einfach nicht entkommen…
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„Ich werd’ dir geben!“, sagte die Mutter, die Hexe.
„Ich krich se“, sagte das Kind.
Das Kind pflückte Butterblumen für die Mutter, die Hexe, und versprach, ab jetzt immer lieb zu sein. Immer, immer lieb. Immer genau so, wie die Mutter, die Hexe, es wollte. Und bettelte: „Bitte, bitte, hab mich wieder lieb, Mama!“
Das Kind muckte nicht auf. Nicht, solange es ein Kind war. Es war nicht möglich aufzumucken. Überleben ging nur mit Liebsein.
Das Kind träumte, dass es von der Mutter, der Hexe, in den Backofen gestoßen wurde. Ins lodernde Feuer. Es träumte es immer wieder.
Hänsel und Gretel hatten den Spieß umgedreht. Sie hatten die Hexe in den Backofen gestoßen. Bei ihnen hatte das Aufmucken funktioniert.
Das Kind hatte keine Chance aufzumucken.
Um zu überleben, hat es Butterblumen gepflückt und versprochen, immer lieb zu sein.
Immer, immer lieb.
Zum Pflücken von Butterblumen hat es später unzählige Varianten gefunden. Varianten der Unterwerfung. Varianten des Liebseins.
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„Für die Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf“, heißt es in einem afrikanischen Sprichwort. Ich tat, was ich sollte: Ich lernte – und bekam – nicht von dir, aber aus dem „Dorf“: den Erzieherinnen im Kindergarten, den Lehrern in der Schule, später auch im Studium und in meinen Freizeitbeschäftigungen - Anerkennung, die meinen Durst nach Verbundenheit über Jahrzehnte gestillt hat.
Durch die Aufnahme meines Studiums hatte ich schließlich die Möglichkeit, von „zu Hause“ auszuziehen. Von da an hatte ich viele Helferkräfte: Psychotherapeuten, Kurse, Förderung meiner vielen Interessen und Fähigkeiten, Menschen, die mich sahen.
Als junge Erwachsene, noch sehr unbeholfen, schrieb ich – vielleicht durch die Helfer im „Dorf“ ermutigt - dir einen langen Brief, in dem ich dir all meine Vorwürfe unterbreitete…wieder hoffte ich, endlich angenommen, anerkannt zu werden! Du aber bezeichnetest alles als unverschämte Lüge und wolltest endgültig nichts mehr mit mir zu tun haben. Nicht du hättest mich geschlagen, sondern, im genauen Gegenteil, ich dich.
Einige Jahre nach dem Tod deines Mannes rief mich meine Schwester an einem Donnerstag aufgeregt an. Sie war mittlerweile aus Mitleid bei dir eingezogen, weil du überhaupt nicht allein sein konntest, nicht mal eine halbe Stunde lang und erfüllte dir jeden Wunsch – u.a. brauchtest du, wie ein Baby, Nähe und Sicherheit auch beim Einschlafen und batest sie, sehr früh am Abend mit dir schlafen zu gehen – sie hatte den verwaisten Platz im Ehebett bereitwillig eingenommen und hatte kein Problem mit deinem Wunsch.
„Die Mama sagt, du sollst vorbeikommen und dich für all das Unrecht, das du ihr angetan hast, entschuldigen! – Wenn du das bis zum Wochenende nicht tust, wird sie sich umbringen…sie hat vorgesorgt, sagt sie!“
Bis zu deinem Tod warst du für meine Schwester die „Mama“ – noch an deinem offenen Grab sprach sie dich mit „Mama“ an. Ich hatte Jahrzehnte zuvor mit dem Wort „Mutter“ mich für eine weniger vertrauliche Variante entschieden.
Man könnte sich Töchter vorstellen, die – über 60jährig, wie ich zu dem Zeitpunkt – achselzuckend, die Augen verdrehend, bestenfalls vielleicht auch mitfühlend, sagen würden: „Tut mir leid – aber tu, was du meinst, tun zu müssen! Ich bin nicht zuständig, und vor allem: nicht schuldig! Ich trage keinerlei Verantwortung für dein Leid!“ – Aber in meiner Seele stürzte sofort, tief verzweifelt, das verängstigte Kind herbei, immer bereit, Schuld zu übernehmen, aber auch in sehr, sehr großer Not… Und mir war gleich der Zwiespalt klar: entweder ich würde mein Inneres Kind verraten und mich noch einmal für Vergehen entschuldigen, die ich gar nicht begangen hatte – was absolut undenkbar war – oder, und da war ich absolut sicher: Du würdest deine Ankündigung wahr machen, dich umbringen, woraufhin ich mich dann wirklich – vermutlich bis an mein Lebensende – schuldig fühlen würde – denn ich hätte es ja verhindern können.
Kopflos, ratlos klingelte ich bei dir, betrat die Wohnung…
Dann lief alles wie von Engeln geführt – wie schon einige Male zuvor in meinem Leben:
Ich bat dich, dich mit mir an deinen Esszimmertisch zu setzen, wo ich deine Hand halten und dir in die Augen schauen konnte. Unsere Blicke trafen sich wie nie zuvor. Meine angstvollen Augen und deine unsicheren Augen in innigem Kontakt.
Mit aller Aufrichtigkeit konnte ich dir sagen, dass es mir zutiefst leidtäte, dass du wegen mir so leiden müsstest.
Keine „Entschuldigung“, keine Schuldübernahme.
Keine „Richtigstellung“.
Nur Mitgefühl.
„Na, das wollte ich ja nur hören!“, hast du weich geantwortet…
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Ich habe noch eine kleine Handysprachaufnahme von dir, von einem unserer Spaziergänge zu dritt in dem großen Park, den wir mochten - du, meine Schwester und ich, neben uns ein plätschernder Springbrunnen, und du hast einen kleinen Ausschnitt eines tschechischen Liedes gesungen:
„Gde domuv moj, gde domuv moj – wo ist mein Heim, mein Vaterland?“ und hast das Lied mit einem kleinen, leisen, belustigten Lachen beendet und abwehrend hinzugesetzt: „Ach, ist doch Quatsch!“
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Du warst fast 102 Jahre alt, als du starbst. Am Tag zuvor hatte ich dich noch besucht und hatte für dich gesungen, Lieder, die du mochtest, lustige Lieder aus deiner Jugend und sentimentale Lieder aus dem vor langer, langer Zeit verlassenen Böhmerland, deiner Heimat: „Tief drin im Böhmerwald, da liegt mein Heimatort, es ist gar lang schon her, dass ich von dort bin fort...“ Du hattest dich über mein Singen gefreut, einen glücklichen Gesichtsausdruck gehabt und genickt. Keinen Schmerz habe ich in deinem Gesicht gesehen, kein Heimweh.
Meine Schwester hatte sich unserem Singen angeschlossen, du hast es sichtlich genossen. Zur Verabschiedung beugte ich mich zu dir, die du in deinem kuscheligen gelben Bademantel, den du seit einiger Zeit der Einfachheit halber von morgens bis abends trugst, im Rollstuhl saßest, hinunter, nahm deine Hände und sagte: „Ich gehe jetzt wieder, Mutter. Aber ich komme bald wieder!“ Treuherzig sahst du mich an und antwortetest mit warmem Ausdruck: „Schön, dass Sie da waren! Kommen Sie doch bald wieder!“
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Ich war nur wenige Augenblicke an deinem Totenbett, Mutter.
Augenblicke, die ich nie vergessen werde. Augenblicke jenseits der Zeit…
Was ich sah, berührte mich tief:
Du schautest!
Du schautest mit deinen toten Augen,
die doch nichts mehr sehen konnten,
mit einem Ausdruck des Staunens, ja, vielleicht sogar der Erleichterung
an die Zimmerdecke oder – wer kann das schon wissen? –
vielleicht darüber hinaus,
vielleicht in eine Weite, die jenseits von Zeit und Raum liegt...
Mich sahst du nicht…
Regina, 71 Jahre
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Wie ich einmal mein Problem behalten wollte
Dass ich Weiterbildungen liebe, liegt zu einem großen Teil daran, dass ich als Coach und Beraterin im Alltag wenig Austausch mit Kolleginnen habe. Ich genieße also sowohl das Zusammensein mit anderen als auch das gemeinsame Suchen nach Lösungen und natürlich auch das Kennenlernen neuer Methoden. Die Geschichte, die ich erzählen will, spielt an der Alice Salomon Hochschule in Berlin. An den Titel der Weiterbildung erinnere ich mich nicht mehr. Eine Übung jedoch ist mir im Gedächtnis geblieben, weil ich die Protagonistin war.
Ich saß in der Mitte eines Halbkreises und sollte an ein aktuelles Problem denken, ohne jedoch irgendetwas darüber zu sagen. Die anderen Teilnehmerinnen, vielleicht fünfzehn, hatten Karten, auf denen je eine systemische Frage stand. Sie sollten mir diese Frage vorlesen und ich sollte mir für mich eine Antwort überlegen, ohne laut zu antworten, sondern nur mit einem Zeichen zu verstehen geben, dass ich für die nächste Frage bereit wäre. Das Problem, an das ich dachte, war die Frage, ob es nicht Zeit sei, meine Mutter in ein Pflegeheim zu geben. Tatsächlich lebte sie zu dem Zeitpunkt schon vier Jahre mit der Diagnose und brauchte zunehmend mehr Unterstützung. Die Fragen, die mir gestellt wurden, lauteten in etwa
- Was würde ein Außenstehender über das Problem sagen?
- Wie können Sie sich erklären, dass es die Situation noch gibt?
- Welchen Sinn könnte es für Sie haben, das Problem aufrecht zu erhalten?
- Wie könnten Sie die Situation noch verschlimmern?
- Welche Auswirkungen hätte es, wenn Sie die Lösung bereits morgen umsetzen würden?
- Wie würden Sie sich, wenn Ihr Ziel schon erreicht ist, anders fühlen als jetzt?
- Wie würden die anderen Beteiligten reagieren?
- Wer sagt was in welcher Form zu wem, wenn Ihr Ziel erreicht ist?
- Was werden Sie ab morgen anders machen?
- Was werden Sie beibehalten?
Insgesamt 32 solcher Fragen hörte ich mir an und der Prozess, der damit in Gang kam, war für mich höchst spannend. Und da ich zu den Menschen gehöre, denen man jedwede Emotion am Gesicht ablesen kann, hatte wohl auch die Gruppe etwas davon. Für mich stand im Anschluss fest, dass ich mein "Problem" durchaus noch eine Weile behalten wollte. Darüber hatte ich dank der Fragen absolute Klarheit erlangt. Und damit war es plötzlich auch gar kein Problem mehr, denn ich hatte meine Entscheidung getroffen.
Ich wollte meine Mutter noch eine Zeit lang in ihrem Zuhause versorgen. Und tatsächlich gelang das noch drei weitere Jahre.
Eva, 63 J.
“Stell dir eine Welt vor, in der keine Frau ihre Geschichte mit ins Grab nimmt. In der jede Tochter weiß, wer ihre Mutter wirklich war. In der das Schweigen endet, weil Frauen angefangen haben zu schreiben. Das ist die Welt, für die wir diese Seite ins Leben gerufen haben.”