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Wenn Frauen schreiben

entstehen immer ganz besondere Texte

mit Herz, Hirn und einer Vision für eine friedlichere Welt

Meine Mutter und ich

Lass dich berühren von den Texten, die in unserem ersten Projekt "Meine Mutter und ich" entstanden sind. 

Lass dich inspirieren zu deinen eigenen Texten. Hier findest du weitere Informationen darüber, wie du an diesem Projekt teilnehmen kannst.

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Wenn das meine Mutter wüsste …

 

Vielleicht hab ich Dich immer ein bisschen beneidet um Deine so wundervolle Beziehung zu Deinem Mann, meinem Vater. Ich weiß es nicht, denn so negative Eigenschaften schreibe ich mir nicht gern zu. Es könnte aber so gewesen sein. Denn eure Beziehung war so ideal, direkt aus dem Himmel.

Auch wenn ich euch nie zusammen gesehen habe, weil Dein geliebter Mann kurz nachdem ich auf die Welt kam, sterben musste, war diese Annahme unumstößlich. Alle anderen sagten es ja auch.

Also wollte ich Dir nacheifern. Und da kam mir Dein Satz in die Quere: Kind, wenn Du den Richtigen triffst, wirst Du das merken. Nur mit ihm wirst Du Dich ganz eng verbinden, auch körperlich.

Daraus habe ich einen Umkehrschluss gezogen. Wenn ich mit jemandem körperlich verbunden bin, dann ist es der Richtige.

Ich habe mich sehr geirrt. Und das nicht nur einmal.

Es gab Zeiten, da war ich wütend darüber, dass ich in diese Falle getappt bin. Dass ich das immer wieder versucht und nicht hinterfragt habe, ob dieser Glaubenssatz überhaupt stimmt. Dass mir keiner zugestanden hat, mal  mit jemandem intim zu sein, auch ohne ihn in Gedanken schon geheiratet zu haben.

Die Wut hat nicht geholfen. Doch die Zeit. Ich habe langsam verstanden, wieso Du zu dieser Annahme gekommen bist. Und dass Du nichts weiter wolltest, als dass ich auch so eine wunderbare Beziehung haben kann.

Es ist anders gekommen, liebe Mama. Aber am Ende doch recht gut! In Umwege finden hab ich eine glatte Eins. Im Auswege finden, sagen wir, eine Drei, so mittel.

Und doch ist es gelungen, dass ich glücklich bin, jetzt und hoffentlich immer weiter so.

Wenn ich mal auf Deine Wolke darf, erzähle ich Dir davon. Aber das meiste weißt Du ja schon.

Deine Tochter

Christine R.

Muttertag 2025

 

Der mähfreie Mai lässt die Wiesenblumen wieder einmal besonders schön erblühen. Das erinnert mich sogleich an die Muttertage meiner Kindheit, an denen ich mit meinen Freundinnen dicke Sträuße aus Butterblumen, Wiesenschaumkraut, Rotklee und Margeriten pflückte. Meine Mutter konnte sich damals über die Pracht, die oft nur wenige Stunden anhielt und dann "eine Riesen-Schweinerei" machte, nur mäßig freuen. Heute kann ich es fast verstehen.

 

Vor zehn Jahren begann eine Zeit, in der gab es wöchentlich einen "Muttertag". Nachdem sie an Demenz erkrankt war, wollte ich, dass meine Mutter so lange wie möglich in ihrem Zuhause wohnen bleiben konnte. Freitags war unser Tag, an dem ich zu ihr fuhr, an dem wir alles Notwendige besprachen und regelten und uns am Ende in ihrem Lieblingscafé mit Kaffee und Kuchen belohnten. 

 

Als ehemalige Lehrerin, die sich nie von gekauften Materialien getrennt hatte, hatte sie sich ein Schulheft angelegt, voll mit den Namen der Nachbar*innen, der Leute aus ihrem Kirchenchor, der Ergotherapeutin und der Fußpflegerin und der "Gouvernanten", einem kleinen Club ehemaliger Lehrerinnen, die sich regelmäßig bei ihr trafen. Es lag griffbereit in der Küche, um im Ernstfall schnell zur Hand zu sein. 

 

Noch heute habe ich einen dicken Kloß im Hals, wenn ich daran denke, wie sie zu mir sagte, sie hoffe, dass sie niemals meinen Namen in dieses Heft mit eintragen müsse. Inzwischen wohnt sie in einem Pflegeheim. Wenn ich sie einmal in der Woche besuche, hat sie nicht nur meinen Namen vergessen, sondern auch, dass ich ihre Tochter bin. Und dass sie meine Mutter ist. Ich bin jetzt einfach eine freundliche Frau, die ihr das Essen reicht.

 

Und die Blumen für sie kaufe ich vorher schnell im Laden, jedes Mal mit einem Beutelchen Frischhaltemittel. Sicher ist sicher.

Eva, 63 Jahre (Text von 2025)

Gegenleistung

 

Du 

hast mir

das Leben geschenkt

seitdem forderst du meine

Liebe

(anonym)

Die Stimmen im Spiegel

Über das, was Mütter weitergeben - ohne es zu wissen

 

Immer wenn ich in den Spiegel schaue oder in eine Kamera blicke, höre ich sie.

„Mach doch was mit deinen Haaren."

Sie meinte es gut. Das weiß ich. Ratschläge zu Frisur, Kleidung, Figur – „Zieh dich netter an. Mach was aus dir. Du solltest vielleicht etwas abnehmen." Gut gemeint. Immer gut gemeint. Und trotzdem haben sich diese Sätze irgendwo in mir eingenistet, tief, still, und arbeiten bis heute.

Mit einer attraktiven Mutter aufzuwachsen, der Äußerlichkeiten alles bedeuteten, war hart. Besonders in der Pubertät, wo man sich selbst erst sucht, wo man noch so leicht zu erschüttern ist. Ich habe mich erschüttern lassen. Mehr, als ich damals wusste.

Sie hat weitergegeben, was man ihr gegeben hat. Meine Großmutter war genauso. Und so höre ich sie alle – Mutter, Großmutter, Tante, Schwester – einen ganzen Chor aus Frauenstimmen, deren Blick auf andere Frauen immer zuerst bei den Äußerlichkeiten landete. Nicht nur bei mir. Bei allen. Ich frage mich manchmal, ob sie je gespürt haben, was das anrichtet. Was es bedeutet, jahrelang so angeschaut zu werden.

Und gleichzeitig – ich liebe meine Mutter.

Das ist kein Aber. Das ist kein Trotzdem. Es ist einfach wahr.

Wenn ich an sie denke, sehe ich sie wirklich. Wie sie immer gebacken und gekocht hat. Wie sauber alles war, wie warm die Wohnung, wie das Treppenhaus nach Plätzchen roch, wenn sie da war. Wie sie sich umgezogen hat, bevor mein Vater nach Hause kam – die Müdigkeit des Tages weggeschminkt, das Haar gemacht, als wäre nichts gewesen. Als Frau darf man nicht sehen lassen, was der Alltag kostet. Das hatte man ihr beigebracht, und sie hat es mit einer Würde getragen, die ich heute bestaune.

Die perfekte Geisha. Und sie hat es aus Liebe getan. Das glaube ich wirklich. Sie hat alle bekocht und verwöhnt – das war ihre Art, Liebe zu zeigen. Statt einer Umarmung oder einem lieben Wort. Sie kannte es nicht anders. Hat es nie anders gelernt.

Ich bin keine Hausfrau. Wenn ich nach Hause komme, bin ich müde und verschwitzt, und man sieht mir an, wie mein Tag war. Und obwohl ich längst erwachsen bin, obwohl ich das alles verstehe, flüstert trotzdem manchmal eine Stimme: So solltest du dich deinem Mann nicht präsentieren. 

Ich höre sie. Ich erkenne sie sofort. Und manchmal glaube ich ihr trotzdem.

Das ist das Erschreckende. Nicht, dass die Stimmen da sind. Sondern dass sie noch greifen.

Ich bekomme Panik, wenn ein Foto nicht stimmt. Ich ringe um Sichtbarkeit auf Social Media und frage mich gleichzeitig, warum mir das so schwerfällt – und dann weiß ich es wieder. Weil all diese Stimmen noch da sind, leise, aber beharrlich: Du bist nicht genug. Nicht gut so, wie du bist. Ich bin eine erwachsene Frau. Ich weiß das besser.

Und trotzdem.

Ich habe eine Tochter. Sie ist wunderbar und ganz anders als ich. Ich sage ihr, wie schön sie ist. Ich ermutige sie, unterstütze sie, und wenn sie zweifelt, sage ich ihr: Scheiß auf die anderen. Mach, was du willst. Zieh an, was du willst. Sei du selbst.

Ich meine es so. Jedes Mal.

Und manchmal, wenn ich das sage, denke ich an meine Mutter. Daran, dass sie das nie gehört hat. Dass niemand ihr das je gesagt hat. Dass sie auch eine Tochter war, die sich eine Umarmung gewünscht hätte. Ein liebes Wort. Jemanden, der ihr sagt: Du bist gut so, wie du bist.

Vielleicht hat sie mir das Einzige weitergegeben, was sie selbst gelernt hatte.

Ich liebe sie. Und manchmal gewinnt die Stimme trotzdem.

Kathi, 56 Jahre

Wenn das meine Mutter wüsste

 

 

Wenn meine Mutter wüsste, wie viele Themen ich aus meiner Kindheit bearbeite und dafür Coachings und anderes brauche! Das würde sie, die immer stark war und wusste, wo es lang geht, wahrscheinlich überraschen. „Coachings braucht doch keiner. Ich habe das auch nie gehabt“, sagte sie im letzten Jahr zu mir.
Ich bin immer noch dabei zu lernen, dass ich meinen Weg selbst gehe, und dass ich sage, was ich will und was ich brauche, dass ich mich selbst erkenne, dass ich mich selbst höre, sehe und spüre, und dass mir bewusst wird, dass ich ein wunderbarer Mensch bin. 
Gerade triggert mich so einiges in meinem Job. Ein großes und anstrengendes Lernfeld!
Für Außenstehende ist es kaum erkennbar, was in meinem Innern los ist. Auch für meine Mutter nicht.
Und ich bin froh über Frauengruppen, in denen ich ich sein darf und mich ausprobiere. Auch die Coachings helfen, und ich brauche sie.
anonym

Meine Mutter hat gesagt

„Auf Lachen folgt Weinen, das soll man nicht meinen, aber es stimmt.“

Und:

„Kind, du musst sparen für schlechte Zeiten.“

Zwei Sätze, die mich geprägt haben. Zwei Sätze, in denen eine gemeinsame Botschaft steckt: Trau dem Glück nicht zu sehr. Es hält sowieso nicht lange. Und sei vorbereitet – es könnte jederzeit kippen. Und ich merke, wie sehr mich das begleitet hat. Bis heute. Ich bin ziemlich gut darin geworden, innerlich schon mal vorzusorgen. Die Gedanken drehen schnell nach vorne: Was könnte passieren? Was, wenn es schiefgeht? Was, wenn das Gute nicht bleibt?

Selbst in schönen Momenten gibt es da dieses leise Stimmchen: „Pass auf … es könnte auch schnell wieder anders werden.“Und genau da wird es manchmal schwer, mir selbst zu erlauben, einfach nur glücklich zu sein. Ohne Vorbehalt. Ohne Sicherheitsnetz im Kopf.

Und dann ist da diese Erinnerung.

Ich war vielleicht drei oder vier Jahre alt. Mein Vater studierte damals noch, und meine Mutter machte am Wochenende oft Ausflüge mit uns. Einer davon führte uns an einen See in Gelsenkirchen.

Große alte Bäume, eine weite Wiese, und überall Enten und Gänse – es war Mauserzeit, und der Boden war voller Federn. Irgendwann entdeckte ich etwas. Diese kleinen Federn ließen sich ganz vorsichtig aufs Wasser setzen und dann schwammen sie. Wie kleine Boote. Wie eine leise, zarte Flotte, die einfach loszieht. Ich war sofort fasziniert.

Mein Bruder machte mit, und wir setzten eine Feder nach der anderen aufs Wasser.

Eine kleine Parade aus Segelschiffchen entstand. Heute würde ich sagen: Ich war im Flow. Damals war ich einfach nur glücklich. Ich habe keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, ob dieser Moment irgendwann vorbei sein könnte. Ich habe ihn einfach gelebt. Irgendwann blieben Menschen stehen. Ältere Spaziergänger, die uns zuschauten. Eine Dame kam zu mir, hielt mir eine Handvoll Federn hin. Ich schaute sie an und sagte: „Mach doch selber.“Sie lächelte und sagte: „Ich kann mich nicht mehr so gut bücken.“

Also habe ich ihre Federn genommen und sie für sie aufs Wasser gesetzt. Sie setzte sich zu meiner Mutter und erzählte ihr wohl, was für zauberhafte Kinder sie habe. In diesem Moment fand meine Mutter das vermutlich auch.

Wenn ich heute daran denke, spüre ich es wieder:

Dieses reine, unverstellte Glück. Dieses völlige Aufgehen im Moment. Und ich weiß: Das ist auch ein Teil von mir. Nicht die vorsichtige Stimme. Nicht die, die immer schon das nächste „Aber“ sucht. Sondern die, die einfach da ist. Spielt. Staunt. Genießt.

Und vielleicht ist genau das meine leise Antwort darauf: Ja, liebe Mutter, deine Stimme darf da sein. Aber ich darf wählen, welcher ich folge. Und ich entscheide mich immer öfter für die andere.

Für die, die sagt: Genieß den Augenblick. Wirklich. Mach ihn dir nicht kaputt, indem du ihn schon verlässt, während du noch mitten in ihm bist.

Beate, 63 Jahre

Wenn meine Mutter wüsste, dass ich das alles in einen öffentlichen Blog schreibe ...

Wenn ich an meine Mama denke, die Frauen davor und die Frauen, die mich in meiner Kindheit begleitet haben, öffnet sich einerseits als Schatztruhe und Kraftquelle das Urvertrauen aus meinen frühen Kindheitstagen und andererseits eine Schattenwelt aus fehlendem Selbstbewusstsein, Unsicherheit und Angst. Letzteres ist geprägt aus Glaubenssätzen wie: „Sei lieber still…. ecke nicht an...nimm dich nicht so wichtig….pass dich an…..entschuldige dich…hoffentlich bekommen das die Nachbarn nicht mit.“ Beide Welten begleiten mich. Manchmal gewinnt die eine Seite der Geschichte, oft übernimmt die andere Seite die Vorherrschaft. Ein gesunder Ausgleich ist mein Traum. Ich habe lange gehadert, der Aufforderung von Eva zu folgen. Warum? Ich mag ihren „Kaffee“-Newsletter am Sonntag, ihre „Anstupser“, genauer auf die Familiengeschichte und meine Geschichte und mich zu schauen und meinen Blick auf mich selbst zu hinterfragen. Ich lerne jetzt erst, dass ich nicht verantwortlich bin, für das Leben und Glück meiner Familie oder anderer in meinem Lebensumfeld. Eine Freundin gab mir schon einmal den Rat: „Antje, du bist nicht jedermanns Nutellaglas.“ Harmonie sollte nicht um jeden Preis erkauft werden. Disharmonie und den Tritonus auszuhalten, fällt mir immer noch schwer.

Wenn ich Eva zuhöre oder ihr Geschriebenes in mich aufnehme, schwingt oft eine Saite in mir in Resonanz. Vielleicht weil meine beiden Elternteile (Jahrgang 1936) als Kriegskinder des 2. Weltkrieges Flucht, Vertreibung, Verlust der Väter und der Heimat, Hunger, Todesangst im Lebensgepäck mit sich führten. Eine gesunde Erde für eine Familie und das Aufwachsen ihrer Kinder fehlte. Erst nachdem mein Bruder und ich ausgezogen waren, trennten sie sich, viel zu spät. Das aufwachsende Kind versuchte die fehlende Harmonie und den Familienfrieden an Stelle der unfähigen Eltern zu pflanzen. Was natürlich nicht gelingen kann. Die eigene emotionale Entwicklung ist in den Kinderschuhen stecken geblieben, was sich noch heute in einer nicht gesunden Streitkultur mit meinem Ehemann zeigt. Letzteres ist eine der wichtigen kleinen Erkenntnisse aus einem Kurs von Eva. Vielen Dank dafür!

Ich haderte aber auch, der Schreibeinladung von Eva zu folgen, weil mir ihr Fokus, „nur“ auf die Frauen der Familiengeschichte zu schauen, zu einseitig erscheint. Die in meiner Familie nicht anwesenden Väter und Großväter prägen mich genauso stark und ihr Weglassen würde mich halbieren.

Die Familiengeschichten spuken noch unsortiert in meinem Kopf herum. Sonnen- und Heldengeschichten, aber auch viel Nachtgespenster-Geschichten von Tod, Selbstmord, Euthanasie, Verlust an Menschen, Heimat, Land und Gut, gesellschaftlicher Stellung. Beide Seiten der Geschichte wurden mehr oder weniger offen in der Familie erzählt und „vom Kind unterm Tisch“ neugierig aufgesogen. Sie wollen raus, verstanden werden und sich mit den Personen auf den vielen Fotos wieder vereinen. Eva spricht weise vom „roten Faden finden“, wie Perlen einer zerrissenen Perlenkette. Leitfaden sind mir auch die wichtigen Sätze von Viktor E. Frankl: Du bist frei und verantwortlich für die Art und Weise, wie du dein Leben gestaltest… Deine Existenz ist nicht so wie das Vorhandensein eines Baumes, sondern ist Verantwortung, die du auf keinen anderen abwälzen kannst.

So jetzt geht die eigentliche Heldinnen-Geschichte los…

Es ist eine Geschichte der stillen, auf den zweiten Blick mutigen und starken Frauen. Sie stehen in keinen Geschichtsbüchern und doch, ohne sie, ist Alles nichts. 

Eine erste Heldin taucht aus den Nebeln der Vergangenheit auf. Meine Oma Berta, die ohne Mann, er war 1944 in der Ukraine gefallen, und verlorener Heimat als Flüchtling drei Töchter alleine großzog und sich nie beklagte. Mit 61 Jahren übernahm sie die Betreuung meines Bruders, der damals 1 Jahr und 2 Monate war. Ihre Tochter, meine Mama, musste ab Mai 1966 wieder als Betriebsökonomin arbeiten, da das Geld mit einem Verdiener nicht ausreichte und keine Betreuungsmöglichkeit für meinen Bruder in Cottbus bestand. Nur am Wochenende fuhr meine Mama von Cottbus nach Kummersdorf zu meinem Bruder. Wie ging Berta damit um, dass ihre jüngste Tochter, Marianne, mit ihren drei kleinen Kindern in den Westsektor von Berlin umzog und sich 1961 der Eiserne Vorhang durch den Mauerbau schloss? Was empfand sie als Ihre Mutter Marie in den 1940er Jahren in die Nervenheilanstalt Sorau geschickt wurde und kurze Zeit später tot von dort zurück kam? "Verrückt" wurde sie nachdem der jüngste Sohn Paul wegen Meineids ins Zuchthaus kam. Sie vergrub Lebensmittel für ihren Sohn auf dem Hof. Auf dem Hof konnte sich keiner um sie und ihre Krankheit kümmern. Ihr Mann hoffte wohl, dass sie gesund aus Sorau zurück käme. Wie erklärte sie sich den Tod Ihres Bruders? Was dachte sie über die heftigen Streits meiner Eltern, die sie während Ihrer Besuche in Cottbus miterlebte? Ich habe nur eine gutgelaunte singende Oma in Erinnerung, die mir Handarbeiten beibrachte, bei der ich die Sommerferien verbrachte, die aus ihrem evangelischen Glauben Kraft schöpfte, die nie wieder einen anderen Mann hatte, Quarkkrapfen in Schweineschmalz bruzzelte, Karpfen und Aal liebte, Flusskrebste fangen konnte, ein Geheimversteck für Kutscherbalken in der Dachkammer hatte, die im Osten als Zahlmittel für Tauschgeschäfte gebraucht wurden. Nachts durfte ich in einen Eimer pullern, damit ich nicht im Dunkeln über den Hof auf das Plumpsklo gehen musste. Die Cousinen im Westen beneideten uns Ost-Cousinen dafür, dass wir diese Oma regelmäßig hatten. In den Westen durfte sie erst als Rentnerin und nur 1-2 mal im Jahr zu Besuch fahren. 

Zur Erinnerung an Oma Elsbeth, die Cottbuser Oma, deren Ehemann im Krieg vermisst wurde und der sie im gerahmten Foto in Wehrmachtsuniform - wie bei Berta - bis an ihr Lebensende begleitete. Auch sie hat nur selten von früher erzählt, von dem wohlhabenden Elternhaus vor dem Krieg. Sie hat Hauswirtschaft gelernt und vor ihrer arrangierten Heirat in einer Arztfamilie gearbeitet. Die von ihr erlebten Massaker und Gewalttaten im Januar 1945, verübt von russischen Soldaten, waren erst nach ihrem Tod ein Gesprächsthema. Sie hatte nach Flucht und Lagerhaft nie wieder eine Beziehung mit einem Mann. 

Eine weitere wichtige Heldin meiner Kindheit ist eine Groß-Tante Margarete, die mich in meinen ersten Lebensjahren begleitete. Meine Mama ging kurze Zeit nach meiner Geburt wieder arbeiten. Ein tiefes Gefühl von Wärme umfängt mich, wenn ich die Bilder von ihr sehe und wenn ich ihre Schmuckstücke trage. Welchen Schmerz hat sie gefühlt und Verlust, als ihr Mann aus einem Kriegsgefangenenlager bei Alexandria in Ägypten   schrieb und ihr einziger Sohn mit knapp 18 Jahren, wie ihr Mann zur Marine und in den Krieg ging/gehen musste. Gemeinsam mit seinem Cousin suchte ihr Sohn sein Glück nach 1945 in den USA. Durch die Mauer und Entfernung konnte er nur selten seine Mutter im Osten besuchen. Die Fotos von den Verwandten aus den USA, von den Niagara-Fällen, vom Death Valley bedeuteten für mich als Kind die unerreichbare ferne weite Welt und Freiheit. 

Meine Mama und Anti-Heldin Adelheid „Heidi“: Sie war keine Frau, die im Mittelpunkt stehen wollte. Sie hielt die Familie zusammen, kämpfe gegen die Mauer, um den Kontakt mit ihrer Schwester im Westen zu halten. Ihre Schwester taucht immer wieder als schwarzer Fleck in ihrer Kaderakte als „republikflüchtig“ auf. Sie trifft die menschlich richtigen Entscheidungen. An einen Herrn Oberstleutnant Laws schrieb sie am 30.4.1980: „Ich hätte in einem anderen Organ des Staatsapparates verbleiben können, wenn ich sofort die Verbindung zu meiner Schwester abgebrochen hätte.“ Sie arbeitete derzeit im Rat des Bezirkes Cottbus als Betriebsplanerin.1980 musste sie per Überleitungsvertrag als Sachbearbeiterin in das VEB Getränkekombinat Cottbus wechseln. Ich bin geprägt vom Aufwachsen in der DDR mit zwei Wahrheiten: die eine galt für zu Hause und die andere war das, was in der Schule gesagt werden musste. Das DDR-Regime riss Familien auseinander, beschied Ein-/Ausreiseanträge positiv oder meist negativ. Nur 2-mal im Jahr konnten sich die Familien aus Ost- und Westdeutschland treffen, meist bei uns in Cottbus. Drei Familien mit 7 Kindern und Großeltern wohnten für mehrere Tage in unserer 4-Raum Wohnung. Es war für uns Kinder Abenteuer, Camping, Aufhebung aller Regeln, langes Aufbleiben, Feiern und der Geruch nach dem Westen kitzelt noch heute meine Nase. Im Gepäck waren immer Comics, die Bravo, Steiff-Tiere und Puppen. Ich habe keine Vorstellung davon, wie meine Mutter das organisiert und alle mit Essen versorgt hat.

Meine Mama war stolz auf Ihren beruflichen Werdegang. Sie ergriff die Chancen, die sich ihr boten und besaß den Mut mit 16 oder 17 Jahren allein und ohne offizielle Aufenthaltsgenehmigung nach Berlin zu gehen. Sie wohnte dort bei einer befreundeten Schneiderin in Berlin Friedrichhain, erlernte das Schneiderhandwerk und verdiente so ihr erstes eigenes Brot. Auf Dauer und für Berlin funktionierte das Lebenskonzept allerdings nicht. Der Vater einer Freundin war Gewerkschaftsvorsitzender/-funktionär und bot ihr eine Stelle zur Ausbildung als Stenotypistin. Sie ergriff die Chance und wechselte nach Beeskow.

Trotz des nur achtklassigen Schulabschlusses erkletterte sie durch Fleiß die berufliche Karriereleiter von der Stenotypistin über die kaufmännische Ausbildung zum Verkehrskaufmann bis zur Betriebsökonomin im Binnenhafen Königs Wusterhausen. Sie handelte, wenn es wichtig war. Als Jugendliche, sie hatte sich selber das Schwimmen im Kummersdorfer-Storkower Kanal in Kummersdorf beigebracht, rettete sie eine Freundin vorm Ertrinken. 

Eine Nacht in der Verwahrzelle im alten Rathaus Johannisthal: Am 2. Juni 1962 heiratete ihre Cousine in der alten Pfarrkirche Berlin-Altglienicke. Adelheid, damals 25 und Betriebsökonomin im Binnenhafen Königs Wusterhausen, und ihr damaliger Freund waren Gäste der Hochzeitsfeier. Nachts auf dem Heimweg bogen sie auf der Schönefelder Chaussee statt nach rechts, nach links ab. Sie wurden wegen des Verdachts der Republikflucht festgenommen. Sie waren der Mauer, dem am 13. August 1961 gebauten „antifaschistischer Schutzwall“, gefährlich nah gekommen. Als sie von den Grenzsoldaten entdeckt wurden, ließ ihr Freund das in der Hosentasche mitgeführte Westgeld fallen und verbuddelte es notdürftig. Sie wurde verhört und verbrachte eine Nacht mit ihrem damaligen Freund in einer Verwahrzelle im Keller des Ministeriums für Staatssicherheit bzw. Volkspolizei-Inspektion im vormaligen alten Rathaus Johannisthal, Sterndamm 102. Nachdem ihr Vorgesetzter, ein Gewerkschaftsfunktionär im Binnenhafen, der von den Ermittlern angerufen wurde, die Hand für die „systemtreue Kollegin Kruschel“ ins Feuer gelegt hatte, und auch das Hochzeitspaar in Alt Glienicke in einem Interview bestätigte, dass beide wohl wegen zu viel Alkohols vom „rechten Weg“ abgekommen seien, kam sie frei. Ihr Freund musste noch eine weitere Nacht in der Zelle verbringen. 

Wer war ihr „Tanzpartner“. Laut ihrer Schwester Lotti war sein Name Werner, er war verheiratet und hatte ein Kind bzw. seine Frau erwartete ein Kind. Er war Adelheids Arbeitskollege im Binnenhafen und half ihr beim Einrichten ihrer ersten Wohnung in Eichwalde. Kurze Zeit danach trennte sie sich von ihm. Hatten Sie sich wirklich wegen zu viel Alkohol „verlaufen“ oder stand eine andere Absicht dahinter? 

Nach der Heirat mit meinem Vater und der anstehenden Geburt von Torsten (meines Bruders) hat sie sicher nicht leichten Herzens ihre neue Heimat (Trebatsch, das Mühlenheim in Kummersdorf, Beeskow) mit Cottbus getauscht. Die Wohnsituation in der alten Mühle bei Cottbus, kein fließendes Wasser, alte nicht funktionierende Öfen, eine schwierige Schwiegereltern/-großeltern- Konstellation, war mehr als prekär. Alle Familienmitglieder mussten entwurzelt neu anfangen. 

Die letzten Jahre mit meiner Mama waren geprägt von der Pflege wegen Ihrer Parkinson-Erkrankung, aber auch ehrlichem Reden, Streiten und - vor dem Schlafen gehen - Vertragen. Meine Mama war ungewollt gut darin, mir ein schlechtes Gewissen zu machen und ich bin immer wieder bereitwillig in den Fallstrick getappt…. ich sei keine gute Mutter oder Ehefrau und müsse mich anders bei Auseinandersetzungen verhalten. In den Jahren entstand aber auch ein Frieden mit meiner Mama, da ich ihre Ängste und eigenen Schranken begriff. Ich weiß heute, dass ich viel Mut und Tatkraft von ihr in mir trage. Aber ich gehe meinen eigenen Weg selbstbewusster, weil ich Zusammenhänge besser verstehen und einen tollen Mann als Begleiter habe.  

Antje, 54 Jahre

Kleine Mama

Meine süße kleine Mama, so hübsch und unbeholfen und naiv.

Sie lässt mein Herz weich werden - und eine unbändige Wut aufflammen, sobald sie ihre Hilflosigkeit ausspielt und mich wieder in die vermeintliche Pflicht nimmt, so wie früher und wie immer schon.

Die holde Prinzessin, für die es selbstverständlich ist bedient zu werden.

Und die für uns Kinder zum Dämon wurde, wenn die Krankheit sie wieder in ihren Klauen hatte.

Der Dämon, der Papa vertrieben hat, als wir noch ganz klein waren.

Gegen den es keine Macht oder Medizin gibt.

Und der das kleine Kind, das ich war, zur Mutter der Mutter und der viele Jahre jüngeren Schwester machte, frühreif, verlässlich, viel zu ernst.

Im Februar ist sie achtzig Jahre alt geworden, die süße kleine Mama und der Dämon zeigt sich nur noch selten.

Meine Wut kann immer mehr der Liebe weichen, was mein Herz noch weicher werden und ihre Unbeschwertheit mit sanfter Milde  betrachten lässt.

Und mich zu ihrem Geburtstag ein Lied für sie schreiben ließ:

(Der Song passt zum One Note Samba von Antônio Carlos Jobim)

Kleines Glück

Die Brille liegt im Kühlschrank und der Schlüssel hängt im Bad

Ohne ein paar Überraschungen wär das Leben ja auch fad

Ganz egal, der Kaffee duftet, schöne Musik spielt ganz leis'

Ich mal mir das Leben bunt und schau mal was der Tag verheißt.

Abends ein Glas Wein,

es fällt mir ein:

ein Gedicht wartet, Worte schweben

Ich seh mein Leben

Wo ist all die Zeit nur hin?

Wo bitte bleibt der Sinn?

Die Musik trägt mich

Sie hält mich pfleglich.

Und knackt ein Gelenk im Rhythmus klingt’s ein bisschen wie der Bass,

Ich hab achtzig Jahre auf der Uhr und immer noch viel Spaß.

Der Swing in meinem Leben macht den Tag so wunderbar,

Fantasie füllt meinen Kopf, und doch: mein Herz ist frei und klar.

Bunte Farben auf der Leinwand, ein Akkord in Moll und Dur

Ich mach mir meinen eigenen Jazz und schau selten auf die Uhr.

Ja das Leben ist Improvisation und wie du die Speisen würzt,

So würzt du dir auch dein Leben, jeder Ärger wird verkürzt.

Abends ein Glas Wein,

es fällt mir ein: ein Gedicht wartet

Worte schweben

Ich seh mein Leben

Wo ist all die Zeit nur hin?

Wo bitte bleibt der Sinn?

Die Musik trägt mich

Sie hält mich pfleglich.

Munter in den Morgenstunden und der Abend kommt so sanft

Die Musik bezaubert alle und die Töne heben an

Das Gestern mag vergessen sein, es kommt nicht mehr zurück

Im Hier und Heute zaubern wir uns unser eigenes kleines Glück.

Ava, 58 Jahre

Wie ich einmal mein Problem behalten wollte

 

Dass ich Weiterbildungen liebe, liegt zu einem großen Teil daran, dass ich als Coach und Beraterin im Alltag wenig Austausch mit Kolleginnen habe. Ich genieße also sowohl das Zusammensein mit anderen als auch das gemeinsame Suchen nach Lösungen und natürlich auch das Kennenlernen neuer Methoden. Die Geschichte, die ich erzählen will, spielt an der Alice Salomon Hochschule in Berlin. An den Titel der Weiterbildung erinnere ich mich nicht mehr. Eine Übung jedoch ist mir im Gedächtnis geblieben, weil ich die Protagonistin war.

Ich saß in der Mitte eines Halbkreises und sollte an ein aktuelles Problem denken, ohne jedoch irgendetwas darüber zu sagen. Die anderen Teilnehmerinnen, vielleicht fünfzehn, hatten Karten, auf denen je eine systemische Frage stand. Sie sollten mir diese Frage vorlesen und ich sollte mir für mich eine Antwort überlegen, ohne laut zu antworten, sondern nur mit einem Zeichen zu verstehen geben, dass ich für die nächste Frage bereit wäre. Das Problem, an das ich dachte, war die Frage, ob es nicht Zeit sei, meine Mutter in ein Pflegeheim zu geben. Tatsächlich lebte sie zu dem Zeitpunkt schon vier Jahre mit der Diagnose und brauchte zunehmend mehr Unterstützung. Die Fragen, die mir gestellt wurden, lauteten in etwa

  • Was würde ein Außenstehender über das Problem sagen?
  • Wie können Sie sich erklären, dass es die Situation noch gibt?
  • Welchen Sinn könnte es für Sie haben, das Problem aufrecht zu erhalten?
  • Wie könnten Sie die Situation noch verschlimmern?
  • Welche Auswirkungen hätte es, wenn Sie die Lösung bereits morgen umsetzen würden?
  • Wie würden Sie sich, wenn Ihr Ziel schon erreicht ist, anders fühlen als jetzt?
  • Wie würden die anderen Beteiligten reagieren?
  • Wer sagt was in welcher Form zu wem, wenn Ihr Ziel erreicht ist?
  • Was werden Sie ab morgen anders machen?
  • Was werden Sie beibehalten?

 

Insgesamt 32 solcher Fragen hörte ich mir an und der Prozess, der damit in Gang kam, war für mich höchst spannend. Und da ich zu den Menschen gehöre, denen man jedwede Emotion am Gesicht ablesen kann, hatte wohl auch die Gruppe etwas davon. Für mich stand im Anschluss fest, dass ich mein "Problem" durchaus noch eine Weile behalten wollte. Darüber hatte ich dank der Fragen absolute Klarheit erlangt. Und damit war es plötzlich auch gar kein Problem mehr, denn ich hatte meine Entscheidung getroffen.

Ich wollte meine Mutter noch eine Zeit lang in ihrem Zuhause versorgen. Und tatsächlich gelang das noch drei weitere Jahre.

Eva, 63 J.

Stell dir eine Welt vor, in der keine Frau ihre Geschichte mit ins Grab nimmt. In der jede Tochter weiß, wer ihre Mutter wirklich war. In der das Schweigen endet, weil Frauen angefangen haben zu schreiben. Das ist die Welt, für die wir diese Seite ins Leben gerufen haben.